Die Bretagne ist das Land der Sagen und Legenden. Wer kennt sie nicht, die berühmte Artussage und die Geschichten rund um die Tafelrunde?
Doch die Bretagne birgt noch tiefere Geheimnisse. In den Schatten des Waldes von Brocéliande liegt das sagenumwobene Tal ohne Wiederkehr, wo Merlin der Zauberer einst seine Heimat fand. Es sind Geschichten, die seit Generationen von mächtigen Druiden, versunkenen Reichen und einer Magie erzählen, die in der Bretagne bis heute lebendig scheint.
Die Namen der bretonischen „Zauberwälder“ klingen schon beim Aussprechen nach fernen Zeiten und magischen Geschichten.
Wussten Sie, dass der Name Brocéliande vermutlich vom keltischen „barc'h hé lan“ abstammt? Übersetzt bedeutet dies so viel wie „Das Reich der Druiden“ – ein passender Name für einen Ort, an dem die Grenzen zwischen unserer Welt und der Anderswelt verschwimmen.
Für die Kelten waren die Wälder weit mehr als nur Natur – sie waren heilige Orte.
In der Vorstellung der Druiden verbanden die Bäume mit ihren Kronen im Himmel und ihren Wurzeln tief in der Erde die verschiedenen Welten. Ihr jahreszeitlicher Wandel symbolisierte den ewigen Kreislauf aus Wachstum, Tod und Wiedergeburt.
In dieser mystischen Atmosphäre verwurzeln sich auch die großen Erzählungen der Bretagne. Es ist daher kaum verwunderlich, dass Merlin, der große Zauberer, Seher und Mentor von König Artus, der Legende nach genau hier lebte: im Herzen des Waldes von Brocéliande.
Bis heute spürt man dort die tiefe Verbindung zwischen der keltischen Überlieferung in der Bretagne und der magischen Aura der uralten Bäume.
Alte Eiche im Zauberwald von Brocéliande. Ob Merlin wohl unter ihr gesessen hat?
Der alte Zauberwald von Brocéliande bei Paimpont ist der zentrale Schauplatz der Legenden um König Artus und seinen Mentor Merlin.
Merlins Herkunft ist so außergewöhnlich wie seine Taten: Er entsprang der Verbindung eines Dämons mit einer frommen Jungfrau. Da er jedoch unmittelbar nach der Geburt getauft wurde, nutzte er seine übernatürlichen Fähigkeiten fortan für das Gute.
Als unsterblicher Ratgeber war Merlin für Artus unersetzlich. Er war es, der Artus auf den Thron verhalf und seine Herrschaft durch magische Kraft festigte.
Eines Tages zog sich Merlin als Einsiedler in den Wald von Brocéliande zurück.
Tief im Forst, an der Quelle von Barenton, begegnete er der wunderschönen Fee Viviane.
Diese Quelle mit ihrem glasklaren Wasser war bereits den Kelten heilig. Der Sage nach besuchten die Feen diesen Ort, um sich im Wasser zu spiegeln – heute ist sie ein magischer Anziehungspunkt für Reisende aus aller Welt.
Trotz all seiner Weisheit verfiel Merlin der Liebe zu Viviane.
Um sie zu erfreuen, baute er ihr einen prächtigen Palast aus Kristall. Um sie vor neugierigen Blicken zu schützen, verbarg er das Schloss unter der Oberfläche eines Sees. So wurde Viviane zur berühmten „Dame vom See“.
Legenden besagen, dass Viviane später am Ufer dieses Sees das Königskind Lancelot fand. Sie zog den späteren Ritter der Tafelrunde in ihrem Unterwasserreich auf wie ihren eigenen Sohn.
Kupferstich "Merlin et Viviane", Gustav Doré , Illustration für
"Les Idylles du Roi" von Alfred Tennyson
Viviane dürstete nach Merlins magischem Wissen.
Sie versprach ihm ihre ewige Liebe, wenn er sie in die Geheimnisse der Zauberei einweihte. Merlin lehrte sie fast alles – bis auf seinen mächtigsten Bann.
Mit einer List entlockte sie ihm schließlich auch dieses letzte Geheimnis:
Sie gab vor, ihren Vater überlisten zu wollen, um ungestört bei Merlin sein zu können. Hierzu müsse sie wissen, wie man jemanden mit einem Bann in ein „Gefängnis ohne Mauern“ einschließen könne.
Vom Liebesglück geblendet, verriet Merlin ihr seinen letzten und größten Zauber. Als er wenig später im Gras einschlief, zog Viviane einen magischen Kreis um ihn.
Merlin war fortan in einer Weißdornhecke gefangen – gefangen in einer unsichtbaren Zitadelle für alle Ewigkeit.
Sein Körper ist längst vergangen, doch sein Geist wacht noch immer über den Wald von Brocéliande.
Ein besonderer Ort für Besucher ist Merlins Grab (le Tombeau de Merlin), die Überreste einer megalithischen Anlage. Ganz in der Nähe entspringt die Quelle „Fontaine de Juvence“, die als Jungbrunnen gilt.
Bis heute legen Menschen frische Blumen auf das Grab und hinterlassen handgeschriebene Wünsche in der Hoffnung, dass Merlins unsterblicher Geist sie erhören möge.
Merlins Grab, le Tombeau de Merlin, Foto © Office de Tourisme Brocéliande
Caliburn, Caledfwlch, Escalibor oder Excalibur – das Schwert von König Artus bleibt das bekannteste Emblem der Artus Sage und wohl das berühmteste Schwert der Welt. Die Legenden, die sich um dieses fuminante Schwert ranken, sind untrennbar mit der Bretagne verbunden.
Eine besonders spannende Überlieferung besagt, dass Lancelot das magische Schwert für König Artus in den Schmieden von Paimpont (Les Forges de Paimpont) fertigen ließ. Während die meisten Erzählungen nur berichten, dass König Artus das Schwert Excalibur aus einem Stein zog oder es aus der Hand der Dame vom See erhielt, bewahrt der Wald von Brocéliande eine eigene, tief verwurzelte Legende. Sie besagt, dass die Klinge ihre physische Gestalt in der feurigen Hitze der Schmieden von Paimpont erhielt
Tief im Wald von Brocéliande gelegen, waren diese Schmieden seit jeher ein Ort, an dem sich das Element Eisen mit der Magie des Waldes verband. Es heißt, dass nur das reine Wasser der lokalen Quellen und das besondere Erz dieser Region stabil genug waren, um eine Klinge von solch übernatürlicher Kraft zu formen.
Diese Legende verleiht dem Ort eine ganz besondere Bedeutung: Während die „Dame vom See“ (Viviane) das Schwert Artus überreichte, war es der Ritter Lancelot, der den Auftrag gab, diese unzerstörbare Waffe im Feuer von Paimpont schmieden zu lassen. Da er selbst im Herzen von Brocéliande von der Fee Viviane aufgezogen worden war, kannte er die geheimen Pfade zu den Meistern des Feuers, an einem Ort, an dem das Eisen direkt aus der roten Erde der Bretagne gewonnen wurde – eine Erde, die laut den Druiden mit dem Blut alter Götter getränkt war.
Die Legende erzählt von sieben Tagen und sieben Nächten, in denen das Hämmern der Schmiede durch den Wald hallte. Doch es war kein gewöhnliches Schmieden:
Das Eisen wurde mit dem Wasser der Quelle von Barenton gehärtet, um ihm die Unzerstörbarkeit des magischen Waldes zu verleihen.
Merlin selbst soll die Esse mit seinem Atem angefacht haben, damit das Feuer heiß genug wurde, um die "Geister des Stahls" zu bändigen.
In die Klinge wurden Runen eingraviert, die erst sichtbar wurden, wenn das Schwert im Kampf für eine gerechte Sache geführt wurde.
Als das Schwert vollendet war, war es so scharf, dass es Stein wie Butter schnitt, und so glänzend, dass es die Feinde blendete.
Lancelot brachte die Klinge zur Dame vom See, die sie schließlich in einer feierlichen Zeremonie an König Artus übergab.
So vereinen sich in Excalibur die Kunst der bretonischen Schmiede, die Treue eines Ritters und die Magie der Feenwelt.
Wussten Sie eigentlich, dass Artus zwei Schwerter besaß?
Während das Schwert, das er in der Legende aus dem Stein zog, ihm den Thron sicherte, war es das legendäre Excalibur, das er im Wald von Brocéliande aus den Händen der Fee Viviane erhielt.
In der Bretagne erzählt man, dass dieses zweite, wahre Excalibur, in den Schmieden von Paimpont veredelt wurde, um die Kraft der Erde mit der Magie der Feen zu vereinen.
In manchen späteren Fassungen (wie bei Sir Thomas Malory) wird behauptet, das Schwert im Stein sei Excalibur gewesen, aber die ältesten Quellen trennen die beiden strikt.
Der Untergang von Ys und die Flucht von König Gradlon
Im 5. Jahrhundert herrschte König Gradlon über die Cornouaille.
Er war ein mächtiger Pirat und Eroberer, der als „Conan“ von Armorica berühmt wurde, da er das Land erfolgreich gegen germanische Invasoren verteidigte.
Von einem seiner Raubzüge im hohen Norden brachte er nicht nur Schätze mit, sondern auch den schwarzen Rappen Morvarc’h, aus dessen Nüstern Flammen schlugen. An seiner Seite ritt die rothaarige Malgven, eine nordische Zauberin mit schneeweißer Haut und strahlend blauen Augen. Sie war Gradlon in die Bretagne gefolgt, doch kurz nachdem sie ihm eine Tochter namens Dahut geschenkt hatte, verstarb sie plötzlich und ließ den König in tiefer Trauer zurück.
Dahut wuchs zu einer Schönheit heran, die ihrer Mutter glich, doch ihr Herz gehörte allein dem Meer. Um sie aufzuheitern, ließ Gradlon die Stadt Ys erbauen – direkt an der Küste, geschützt durch einen gewaltigen Deich.
Ys wurde zur reichsten Stadt der Welt. Gold, Silber und Marmor zierten jedes Haus, und sogar die Pferdeställe glänzten im Sonnenlicht. Eine mächtige Schleuse schützte die Stadt vor den Fluten des Atlantiks. Den goldenen Schlüssel zu diesem Tor trug König Gradlon stets an einer Kette um seinen Hals.
Doch mit dem Reichtum kam die Dekadenz. Die Bewohner von Ys wurden hochmütig und beteten nur noch den Ozean an. Dahut trieb es am weitesten: Sie empfing jede Nacht einen neuen Liebhaber im Palast, den sie im Morgengrauen töten ließ. Ein schwarzer Reiter brachte die in Lumpen gepackten Körper zur Pointe du Raz, um sie in der „Hölle von Plogoff“ dem Meer zu übergeben.
Eines Tages erschien ein fremder, charismatischer Jüngling. Dahut war ihm verfallen und stahl ihrem schlafenden Vater den goldenen Schlüssel, um ihrem Liebhaber einen Beweis ihrer Ergebenheit zu liefern. Zu spät erkannte sie, dass der Fremde der Teufel persönlich war. Er öffnete die Schleusen, und die tosende Flut brach über Ys herein.
Einzig König Gradlon gelang es, auf seinem Rappen Morvarc’h durch die Wellen zu fliehen. Er zog Dahut hinter sich auf das Pferd, doch die Wogen holten sie ein. Da erschien der Heilige Guénolé und rief: „Wirf den Dämon, den du hinter dir trägst, in die Flut!“
Um sein eigenes Leben und die Seele seines Volkes zu retten, stieß Gradlon seine Tochter in den Ozean. Augenblicklich beruhigte sich die See. Dahut versank in der Tiefe, und Ys wurde für immer vom Atlantik verschluckt.
Bis heute wartet die versunkene Stadt auf dem Meeresboden auf ihre Erlösung. Die Legende besagt, dass Ys wieder auferstehen wird, wenn am Karfreitag in der Hauptkirche der Stadt eine Messe gelesen wird. Doch dazu müsste die Stadt erst einmal gefunden werden – tief unter den Wellen vor der Küste der Cornouaille.
La Fuite de Roi Gradlon, Evariste Vital Luminais, Musée des beaux-arts in Quimper
Nach dem Untergang von Ys suchte König Gradlon Zuflucht im Landesinneren. Am Zusammenfluss der Flüsse Steir und Odet gründete er seine neue Hauptstadt: Quimper.
Er entsagte seinem ausschweifenden Leben, wandte sich dem christlichen Glauben zu und regierte fortan als gütiger und weiser König.
Doch das Schicksal seiner Tochter Dahut blieb mit dem Meer verwoben. Die Legende besagt, dass sie nicht starb, sondern sich in die wunderschöne Nixe Morgane verwandelte.
Man erzählt sich, dass sie noch heute in den Tiefen des Atlantiks lebt und Seefahrer mit ihrem betörenden Gesang und ihrer unirdischen Schönheit in die Tiefe lockt – zurück in das versunkene Reich ihres Vaters.
"Le roi Gradlon", gegen 1850, Musée des Beaux-Arts in Quimper
Als König Gradlon schließlich im hohen Alter verstarb, rannte sein treuer Rappe Morvarc’h (bretonisch für „Meerespferd“), von unbändigem Kummer getrieben, auf der Küste davon.
Wer in stürmischen Nächten an der Pointe du Raz steht, kann manchmal noch das wilde Klappern seiner Hufe auf den Felsen hören. Und in besonders stillen Momenten, wenn das Meer in der Bucht von Douarnenez ganz ruhig liegt, soll man aus der Tiefe das dumpfe Läuten der Glocken der versunkenen Kathedrale von Ys vernehmen können – ein warnendes Echo aus einer glanzvollen Zeit.
Bis heute sind die Bewohner der Cornouaille stolz auf ihren legendären König. Als Zeichen dieses Stolzes wurde zwischen den Türmen der Kathedrale von Quimper eine Statue von Gradlon auf seinem stolzen Rappen errichtet.
Für die Bretonen ist dieses Denkmal weit mehr als nur Kunst: Es ist ein Sinnbild für die Unbeugsamkeit, die Freiheit und die tiefe Verbundenheit ihres Landes mit den Mythen der Vergangenheit.
Roi Gradlon auf der Kathedrale von Quimper, alte Postkarte
Die dramatische Wucht der Legende inspirierte auch musikalisch zahlreiche Künstler; am bekanntesten ist die Oper 'Le Roi d’Ys' von Édouard Lalo, die den Untergang der Stadt weltweit auf die Bühnen brachte.
Auch in der modernen Musik lebt der Mythos weiter, etwa in der Rock-Oper 'Anne de Bretagne' oder in den atmosphärischen Klängen des bretonischen Harfenisten Alan Stivell ('Ker Ys').
Die Geschichte von Tristan und Isolde ist eine der ergreifendsten Erzählungen des Mittelalters.
Tristan, ein Prinz aus dem bretonischen Léon, erhielt von seinem Onkel, König Marc’h von der Cornouaille, den Auftrag, dessen zukünftige Braut Isolde aus Irland in die Bretagne zu geleiten.
Isoldes Mutter gab ihrer Tochter einen magischen Liebestrank mit, der für die Hochzeitsnacht mit dem alternden König bestimmt war. Doch das Schicksal wollte es anders: Während der Überfahrt tranken Tristan und Isolde unwissentlich von dem Elixier. Von diesem Moment an waren sie in einer unsterblichen, aber verbotenen Liebe aneinander gebunden – ein Verrat, den König Marc’h mit unerbittlicher Rache verfolgte.
Tristan de Léonois, 1470, Tristan und Isolde trinken den Zaubertrank
Über das Ende der beiden Liebenden berichten die Legenden Verschiedenes, doch in der Bretagne ist der Bezug zur Küste allgegenwärtig.
Eine Version besagt, dass sie an der Landspitze von Penmarc’h, im Schatten des heutigen Phare d’Eckmühl, gemeinsam den Tod in den Fluten suchten.
Eine andere, besonders lokale Überlieferung erzählt, dass Tristan zwar dem Scheiterhaufen des Königs entkommen konnte, sich aber vor Verzweiflung über den vermeintlichen Tod Isoldes von den Klippen stürzte. Der Wind soll seinen Mantel erfasst und ihn sanft auf einer kleinen, vorgelagerten Insel abgesetzt haben. Dort erlag er wenig später seinem gebrochenen Herzen.
Dieses kleine Eiland in der Bucht von Douarnenez trägt bis heute den Namen Île de Tristan. Die etwa 450 Meter lange Gezeiteninsel ist ein mystischer Ort, der nur bei Niedrigwasser zu Fuß erreichbar ist.
Heute ist die Insel ein geschütztes Naturparadies im Besitz des Küstenschutzverbandes (Conservatoire du Littoral). Mit ihrer kleinen Festung, dem Leuchtturm und dem herrschaftlichen Wohnhaus kann sie nur im Rahmen geführter Touren besichtigt werden – ein Geheimtipp für alle, die auf den Spuren der Legende wandeln möchten.
Die Île de tristan
König Marc’h von der Cornouaille besaß das prächtigste und schnellste Ross der Bretagne: Morvarc’h, das Seepferd. Dieses Pferd war schneller als der Wind, hinterließ keine Spuren im Sand und konnte mühelos über die höchsten Wellen des Ozeans galoppieren.
Eines Tages verfolgte der König auf dem Rücken seines Hengstes eine weiße Hirschkuh. Die Jagd führte ihn bis an die steilen Klippen der Bucht von Douarnenez und obwohl sein stolzer Hengst schneller galoppierte als jemals zuvor, konnte er die Hirschkuh nicht einholen.
Als er das Tier schließlich doch in die Enge getrieben hatte, zielte der unbarmherzige König mit seinem Pfeil auf den Kopf der Hirschkuh, aus deren Auge sich eine Träne löste. Doch das Schicksal wandte sich gegen ihn: Der Pfeil drehte sich in der Luft und traf nicht das Reh, sondern die Brust seines geliebten Pferdes Morvarc’h. Das Tier stürzte in den Ozean, nachdem es den König zu Boden geworfen hatte und Marc’h blieb allein auf den Felsen zurück.
Als der König sich vom Boden erhob, erblickte er an der Stelle, an der eben noch die Hirschkuh gestanden hatte, ein wunderschönes Mädchen mit blondem Haar, von Algen gekrönt. Marc'h erkannte in ihr sofort Dahut, die Tochter des Königs von Ys, die einst mit der sagenhaften Stadt Ys im Ozean versunken war und seitdem als Meerjungfrau für ihr unstetes Leben büßen musste.
Als Strafe für seine Grausamkeit legte sie einen Fluch auf den König. Sie sprach zu ihm: “Danke mir, dass ich dein Leben verschone, während du mir meines nehmen wolltest”, Als Strafe für dein grausames und unbarmherziges Handeln wirst du ab heute die Mähne und Ohren deines Hengstes Morvarc’h tragen.”
Sie berührte seine Stirn, schwang sich auf den Geist von Morvarc’h und galoppierte über die Wellen davon.
Der König schlich zurück in seinen Palast und versuchte die Mähne und die Ohren zu verbergen, doch von Stund an wuchsen die Mähnenhaare ohne Unterlass.
Um dieses Schandmal zu verbergen, ließ er jeden Barbier, der ihn scheren musste, sofort hinrichten. Schließlich blieb nur noch ein einziger alter Barbier im ganzen Königreich übrig. Dieser versprach, den König mit einer magischen Schere für immer von der Mähne zu befreien, wenn Marc’h sein Leben verschonte.
Der König willigte ein und ließ den Barbier nach getaner Arbeit wieder gehen, ohne ihn zu töten., doch die Last des Geheimnisses war für den alten Barbier zu schwer. Als er aus dem Palast kam, stürmten alle zu ihm hin, war er doch der erste und einzige Barbier, der lebend wieder hinausgekommen war.
Aber er hielt sein Wort und schwieg. Ein Druide riet ihm, am Strand ein Loch zu graben und sein Geheimnis hinein zu schreien. Gesagt, getan. Als der Barbier sein Loch gegraben hatte, schrie er hinein:
"Der König Marc'h trägt die Mähne und die Ohren seines Pferdes Morvac'h"
"Der König Marc'h trägt die Mähne und die Ohren seines Pferdes Morvac'h"
"Der König Marc'h trägt die Mähne und die Ohren seines Pferdes Morvac'h"
Erleichtert schloss er das Loch, doch als er gegangen war, da wuchsen plötzlich aus der Erde drei Schilfbüschel.
Die Zeit verging und die Schwester des Königs Marc'h entschloss sich zu heiraten. Das ganze Volk versammelte sich im Schloss im großen Ballsaal, Musiker aus dem ganzen Reich trafen ein, um bei der Hochzeit aufzuspielen. Unter ihnen zwei, die in einem kleinen Haus hinter der Bucht lebten, in der der Barbier sein Geheimnis vergraben hatte. Auf dem Weg zum Palast waren sie an den drei Schilfbüscheln vorbeigekommen und hatten sie abgeschnitten, um daraus Schmuck für ihre Musikinstrumente zu machen.
Als sie aufspielten, damit das neuvermählte Paar seinen Hochzeitstanz tanzen konnte, kamen aus ihren Instumenten keine lieblichen Töne, sondern die schrecklichen Worte, die der Barbier in das Loch geschriehen hatte:
"Der König Marc'h trägt die Mähne und die Ohren seines Pferdes Morvac'h"
Im Tanzsaal herrschte völlige Stille, ein jeder hielt erschrocken die Luft an und zum ersten Mal nach vielen Jahren lüftete sich der schwarze Schleier am Ende des Saals und König Marc'h trat vor seine Untertanen. Er trug kene Mähne mehr, aber zwei riesige Pferdeohren entstellten seinen Kopf. Er durchschritt mit großen Schritten den Saal, verließ den Palast und wurde nie wieder in der Cornouaille gesehen.
An manchen Abenden sieht man aber noch heute, kurz vor Sonnenuntergang, wenn man vom Strand hinaufblickt, einen Mann oben auf den Klippen im Heidekraut stehen. Aufrecht und völlig unbeweglich, den starren Blick auf den Ozean gerichtet.
Im Gegenlicht der untergehenden Sonne kann man erkennen, dass an seinem Kopf zwei große Pferdeohren gewachsen sind. Wenn Sie ihn sehen, dann haben Sie König Marc'h getroffen, der auf ewig im Verborgenen leben muss. Aber keine Sorge, der König wird Sie sowieso nicht bemerken, denn sein Blick ist nur aufs Meer hinaus gerichtet.
Er sucht noch immer die Meerjungfrau Dahut, die Tochter des Königs von Ys, damit diese ihm endlich seine menschlichen Ohren zurückgibt und ihn vom Fluch befreit.
Es gibt einen "Parcours du Roi Marc'h", beginnend am Menez Hom, mit 54 Etappen, siehe auch: Ausflüge ins Landesinnere
Nicht jede Überlieferung lässt König Marc’h als einsamen Wächter auf den Klippen zurück. Eine andere, tief religiös geprägte Version der Legende erzählt von seinem Ende am Fuße des Ménez-Hom, dem heiligen Berg der Cornouaille.
Als Marc’hs Stunde geschlagen hatte, stand sein Schicksal auf der Kippe. Der Erzengel Michael, der Wäger der Seelen, wollte den König aufgrund seiner einstigen Grausamkeit und Herzlosigkeit direkt in die Hölle schicken.
Doch Marc’h hatte eine mächtige Fürsprecherin: die Heilige Jungfrau Maria. Da er ihr zu Lebzeiten eine Kapelle am Fuße des Ménez-Hom errichtet hatte, bat sie beim Erzengel um Gnade für seine Seele.
Der Erzengel ließ sich von den Bitten der heiligen Jungfrau Maria erweichen und die Seele des Königs Marc’h fuhr nicht in die Hölle hinab und der Erzengel stimmte einer ungewöhnlichen Übereinkunft zu: Marc’h sollte in einem Steingrab am Südhang des Ménez-Hom bestattet werden. Seine Seele dürfe jedoch erst dann zum Himmel aufsteigen, wenn die Steine auf seinem Grab so hoch aufgetürmt seien, dass man sie von der Spitze des Glockenturms der Marienkapelle aus sehen könne.
König Marc’h hatte eigentlich befohlen, direkt bei der Kapelle bestattet zu werden, um der Gottesmutter nahe zu sein. Doch seine Gefolgsleute wollten ihren König nicht inmitten des einfachen Volkes wissen und errichteten sein Grab in einiger Entfernung am Hand des Ménez Hom.
Bis heute hält sich ein besonderer Brauch am Ménez-Hom: Es heißt, die Jungfrau Maria beeinflusse die Herzen der Wanderer, Gleitschirmflieger und Touristen, damit sie im Vorbeigehen einen Stein auf das Grab des Königs werfen. Jeder Stein soll die Seele von König Marc’h dem Himmel ein Stück näher bringen.
Doch es gibt einen tragischen Haken: Die Gefolgsleute des Königs trafen eine fatale Wahl. Sie legten das Grab auf der Seite des Berges an, die der Kapelle abgewandt ist. Egal, wie hoch der Steinhaufen durch die Hilfe der Besucher auch wachsen mag – vom Glockenturm der Kapelle aus wird man ihn niemals sehen können.
So wartet die Seele von König Marc’h wohl bis in alle Ewigkeit am einsamen Hang des Ménez-Hom auf ihre Erlösung.
Wenn Sie auf dem Ménez-Hom wandern, wird Ihnen zwischen den beiden Hauptgipfeln – am Fuße des Ménez Kelc'h und unweit der alten Römerstraße – ein markanter Steinhaufen auffallen: der sagenumwobene Ar Bern-Meïn.
Bleiben Sie einen Moment stehen und halten Sie inne. Es ist eine alte Tradition, im Vorbeigehen einen Stein auf diesen Haufen zu legen. Man sagt, die Jungfrau Maria blickt wohlwollend auf jeden herab, der mithilft, das Grab zu erhöhen. Mit jedem Stein, den Sie hinzufügen, schenken Sie der Seele von König Marc’h ein winziges Stück Hoffnung, dem Himmel ein Stück näher zu kommen.
Was heute wie ein loser Steinhaufen aussieht, ist für Archäologen ein stummer Zeuge der fernen Vergangenheit. In der Region des Ménez-Hom wurden bei Ausgrabungen im letzten Jahrhundert keltische Monumente und Überreste entdeckt, die bis zu 3.500 v. Chr. zurückreichen. Man geht davon aus, dass der Berg seit jeher kontinuierlich als Kult- und Begräbnisstätte genutzt wurde.
Ar Bern-Meïn steht vermutlich auf den Überresten einer neolithischen Grabstätte oder eines antiken Cairns (ein aus Steinen errichtetes Hügelgrab). Der Ménez-Hom war schon Jahrtausende vor König Marc’h ein heiliger Berg der Kelten und früherer Kulturen.
So vermischt sich an diesem Berg echte Geschichte mit der Magie der bretonischen Sagen – ein wahrhaft zeitloser Ort.
Der Wald von Huelgoat beherbergt mindestens ebenso viele Geheimnisse wie der Zauberwald Brocéliande. Doch während es dort eher um Feen und Zauberer geht, begegnet man in Huelgoat den Spuren echter Urgewalten.
Gargantua und der Buchweizenbrei
Die bekannteste Legende erzählt vom Riesen Gargantua, der sich auf einer seiner Wanderungen durch die Bretagne befand. Geplagt von gewaltigem Hunger, machte er in Huelgoat Rast. Die Bewohner waren jedoch arme Bauern und konnten dem Riesen nur einen einfachen Buchweizenbrei anbieten. Gargantua war beleidigt: Der Brei füllte nicht einmal eine kleine Ecke seines riesigen Magens!
Wütend und immer noch hungrig stapfte er weiter in den wohlhabenderen Norden des Finistère (in die Gegend des Léon). Dort fand er endlich reichlich zu essen, doch sein Zorn über die mangelnde Gastfreundschaft der Huelgoater war noch nicht verraucht.
Ein Steinhagel aus dem Norden
Als er an der Küste entlang wanderte, hob er riesige, vom Meer und der Brandung rund geschliffene Felsbrocken auf. Mit seiner gewaltigen Kraft schleuderte er sie nach Süden, direkt in das Tal von Huelgoat. Die Felsen fielen wie riesige Kieselsteine zwischen die Bäume und blieben dort bis heute liegen – so entstand das beeindruckende Felsenmeer (Le Chaos de Rochers).
Nicht nur die Felsbrocken des Riesen Gargantua machen Huelgoat zu einem magischen Ort. Die Namen der markanten Punkte im Wald lesen sich wie ein Inhaltsverzeichnis bretonischer Sagen:
Le Moulin du Diable (Die Teufelsmühle): Ein Ort, an dem die dunklen Mächte ihre Finger im Spiel haben sollen.
La Roche Tremblante (Der zitternde Fels): Ein 137 Tonnen schwerer Koloss, den man – wenn man die richtige Stelle kennt – ganz allein mit der Kraft eines Fingers zum Wackeln bringen kann.
Le Camp d’Artus (Das Lager von Artus): Hier soll der Legende nach König Artus mit seinen Rittern gelagert haben. Manche sagen sogar, sein Schatz sei tief unter den Wurzeln der alten Bäume vergraben.
Le Sentier des Amoureux (Der Pfad der Liebenden): Ein romantischer Pfad, auf dem Tristan und Isolde während ihrer Flucht durch die Bretagne gewandelt sein sollen.
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