Blick hinunter auf das Torfmoor und den See von Brennilis
Nur etwa fünfzehn Kilometer westlich des Waldes von Huelgoat erwartet Sie eine Landschaft von fast unwirklicher Schönheit: das Gebirgsmassiv der Monts d'Arrée. Als Teil des Parc Naturel Régional d'Armorique bildet dieses Massiv die geografische Trennlinie zwischen dem Norden und dem Süden des Départements Finistère. Hier entspringen zudem die meisten Flüsse der Region, was die Bedeutung dieser „Wasserscheide“ unterstreicht.
Die Natur erscheint hier vollkommen unberührt. Weite Torfmoore, leuchtende Heidelandschaften, goldgelber Stechginster und tiefgrüner Farn wechseln sich ab mit schroffen Felskämmen und steilen Hängen. Es ist eine Gegend, in der man die Urkraft der Bretagne noch an jeder Ecke spüren kann.
Obwohl die Gipfel der Monts d'Arrée die 400-Meter-Marke nicht ganz erreichen, sind sie überaus beeindruckend. Da sie teils sehr jäh aus der flachen Ebene ansteigen, wirken sie weitaus imposanter, als es ihre reine Höhe vermuten ließe. Sie sind die wahren „Dächer der Bretagne“ und bieten Ausblicke, die bei klarem Wetter bis zum Meer reichen.
Auch wenn er mit seinen 381 Metern nicht der allerhöchste Gipfel des Massivs ist, so ist er doch der ikonischste. Eine Wanderung auf das Plateau ist ein absolutes Muss für jeden Bretagne-Urlauber – der Ausblick, der sich dort oben eröffnet, wird Ihnen noch sehr lange im Gedächtnis bleiben!
Vom Gipfel aus, direkt neben der kleinen, einsamen Kapelle aus dem 17. Jahrhundert, haben Sie ein unvergleichliches Panorama:
Der See von Brennilis: Er liegt wie ein glitzernder Spiegel inmitten der rauen Landschaft.
Das Yeun Elez: Besonders faszinierend ist der Blick auf dieses gewaltige Hochmoor. Der Sage nach befindet sich hier das „Höllentor“ (Youdig), ein bodenloser Sumpf, in dem früher die unruhigen Seelen versenkt wurden.
Fernsicht bis zum Meer: Bei klarem Wetter reicht der Blick weit über die Heidelandschaften hinweg im Norden sogar bis zur Bucht von Morlaix.
Auf dem Gipfel thront die kleine, schlichte Michaelskapelle (Saint-Michel-de-Brasparts), die im Jahr 1672 dem Erzengel Michael gewidmet wurde. Sie wirkt wie ein einsamer Wächter über die Weiten der Monts d’Arrée und ist ein Symbol für die Beständigkeit in dieser rauen Natur.
Wer genau hinsieht, entdeckt auf dem Boden neben der Kapelle eine markante, kreisrunde Stelle von fast 25 Metern Durchmesser. Dies ist kein Relikt aus der Keltenzeit, sondern ein Mahnmal der jüngeren Geschichte: Während des Zweiten Weltkriegs errichteten die deutschen Besatzungskräfte hier einen strategisch wichtigen Funksender sowie zwei Bunker, um die Region zu überwachen.
Der Weg zum Gipfel
Für die Erreichbarkeit des Gipfels gibt es zwei Möglichkeiten:
Bequem mit dem Auto: Die Kapelle ist direkt über eine Straße erreichbar – ideal für einen schnellen Fotostopp.
Aktiv zu Fuß (unsere Empfehlung): Wesentlich schöner und intensiver ist jedoch der Aufstieg durch die mystische Heidelandschaft. Nur wer die Stille und den Wind beim Wandern spürt, versteht die besondere Energie dieses Ortes.
Der Ausblick belohnt Sie für jeden Schritt! Bei klarer Sicht reicht das Panorama weit über die Grenzen des Finistère hinaus:
Im Süden ragen die Gipfel der Montagnes Noires (Schwarzen Berge) auf.
Im Norden lassen sich die filigranen Glockentürme von Saint-Pol-de-Léon erkennen.
In der Ferne blitzt sogar das Meer auf – ein Zeichen dafür, wie schmal der bretonische Landrücken hier oben eigentlich ist.
Funksender der deutschen Besatzer im Zweiten Weltkrieg
Die kleine Kapelle Saint-Michel de Brasparts steht nicht zufällig an diesem exponierten Platz. Man geht davon aus, dass sie auf den Überresten eines uralten keltischen Tempels errichtet wurde, der dem Sonnenkult gewidmet war. Schon vor Jahrtausenden war dieser Berg ein Ort, an dem Himmel und Erde sich zu berühren schienen.
Vom Sonnenkult zum Schutzpatron
Auch nach der Christianisierung blieb die spirituelle Bedeutung des Berges erhalten. Über Jahrhunderte stiegen die Menschen auf den Gipfel, um den Erzengel Michael um Beistand und gutes Wetter während der Erntezeit zu bitten. Doch die vorchristlichen Wurzeln sind bis heute spürbar.
Die Rückkehr der Druiden
Es mag für viele Besucher überraschend klingen, aber die Monts d’Arrée sind auch heute noch ein Zentrum für gelebtes Druidentum. Von den etwa fünfzig Druiden, die derzeit in der Bretagne leben, haben sich einige bewusst hier niedergelassen.
„Diese Gegend zieht empfängliche Menschen an“, erklärt einer von ihnen. „Das ist schon vor langer Zeit so gewesen.“
Für sie ist der Mont Saint-Michel der alte Berg Kronan, dessen Name sich vom Gott des Lebens und der Zyklen ableitet. Noch heute werden auf dem Gipfel zu besonderen Anlässen Zeremonien abgehalten, die die uralten Riten und die Zyklen der Natur ehren.
Für Aktivurlauber sind die Monts d’Arrée ein wahres Paradies. Es gibt zahlreiche gut beschilderte Wanderwege und sogar geführte Rundwanderungen, die tiefer in die Flora und Fauna des Hochmoores einführen.
Roc’h Ruz (385 m): Er ist offiziell der höchste Berg der Bretagne. Auch wenn er nur wenige Meter höher ist als seine Nachbarn, gehört er in das Tourenbuch eines jeden Bretagne-Wanderers.
Roc’h Trévezel (384 m): Diesen Gipfel sollten Sie unbedingt erwandern! Ein wunderschöner Weg führt durch eine weite Heidelandschaft, die von eindrucksvollen, schroffen Felsengebilden gesäumt wird. Oben angekommen, wird man erneut mit einem Panoramablick belohnt, der die Wildheit dieser Region unterstreicht.
Roc’h Trédudon: Er ist schon von Weitem an seiner markanten Sendestation zu erkennen und dient Wanderern oft als wichtiger Orientierungspunkt in der Landschaft.
Wenn Sie vom Gipfel des Mont Saint-Michel de Brasparts hinunter in die weite, flache Senke blicken, sehen Sie das Yeun Elez. Dieses riesige Hochmoor ist eines der faszinierendsten Biotope der Bretagne, aber auch ihr unheimlichster Ort.
In der Realität ist das Yeun Elez ein ökologisches Juwel. Hier wachsen seltene Pflanzen wie der fleischfressende Sonnentau, und im Frühjahr wiegt sich das weiße Wollgras im Wind. Doch unter der Oberfläche ist das Moor tückisch:
Der schwebende Boden: An vielen Stellen besteht das Moor aus einer dicken Schicht aus Torfmoos und Wurzeln, die auf dem Wasser treibt. Tritt man darauf, spürt man, wie die Erde nachgibt – ein Gefühl, das den Glauben an ein „Höllentor“ leicht verständlich macht.
Das Youdig: Inmitten dieser Sumpflandschaft vermuteten die Menschen früher das Youdig – ein brodelndes Loch voller Schlamm, das keinen Grund haben soll. Es galt als der Ort, an dem die Geisterwelt direkt in unsere Welt bricht.
Trotz seiner düsteren Legenden ist das Yeun Elez heute ein wunderschönes Wandergebiet. Auf gut angelegten Pfaden und teils über Holzstege können Sie dieses einzigartige Ökosystem erkunden, ohne Gefahr zu laufen, dem Ankou oder den Waschfrauen zu begegnen.
Wer durch die Monts d'Arrée wandert, fragt sich oft, warum diese weiten Hügel fast völlig baumlos sind, während das nahe Huelgoat in tiefem Grün versinkt. Die Legende weiß eine rührende Antwort darauf:
Einst waren auch die Monts d'Arrée von dichten, prächtigen Wäldern bedeckt. Doch als das Jesukind in Bethlehem geboren wurde, entsandte der Himmel einen Ruf an alle Bäume der Welt, um das Neugeborene zu begrüßen. Auch die Bäume der Monts d'Arrée sollten sich auf den Weg machen. Doch sie weigerten sich stur, die lange Reise anzutreten und den weiten Ozean zu überqueren. Zur Strafe für ihren Ungehorsam wurden sie dazu verdammt, an Ort und Stelle zu vertrocknen.
So blieb nur das karge, weite Land zurück, das wir heute kennen – eine Landschaft, die ihre einstige Bewaldung nur noch in den tiefen Torfmooren erahnen lässt.
Les Merveilles de la nuit de Noël / Burzudou Nedellek, Musée de Bretagne, Rennes
Wer die bretonischen Legenden kennt und für die feinen Schwingungen dieser Landschaft empfänglich ist, spürt es deutlich: In den Monts d'Arrée scheint die Grenze zwischen den Welten zu verschwimmen. Hier endet die diesseitige Welt und es beginnt eine andere Bretagne – eine Welt der Mythen, in der Leben und Tod untrennbar miteinander verwoben sind.
Ein besonders eindrucksvolles Zeugnis dieses Glaubens findet sich am Fuße der Berge in Brasparts. An der Kirche Notre-Dame et Saint-Tugen begegnen Sie einer Gestalt, die jedem Bretonen früher einen Schauer über den Rücken jagte: dem Ankou.
Dort, am Beinhaus der Kirche, wacht ein steinernes Skelett mit einer pfeilförmigen Lanze. Der Ankou ist der personifizierte Tod und der Todesbote der bretonischen Mythologie. Er ist kein böser Dämon, sondern der unerbittliche Arbeiter, der die Seelen der Verstorbenen auf seinem knarrenden Karren (karrig an Ankou) einsammelt.
Dass er ausgerechnet hier, am Übergang zum „Höllentor“ des Yeun Elez, so präsent ist, unterstreicht die magische und zuweilen schaurige Anziehungskraft dieser Region.
Ankou, der Knochenmann, auf einer Kirche des Finistère
In den dunklen, nebelverhangenen Nächten der Monts d’Arrée, so erzählt man sich, hört man bis heute das ferne Knarren eines schweren Karrens. Es ist der Ankou, der Knochenmann, der loszieht, um jene abzuholen, deren letztes Stündlein geschlagen hat.
Er reist nicht allein: Zwei düstere Gehilfen begleiten ihn bei seiner nächtlichen Arbeit. Während der eine die Pferde fest am Zügel hält, sorgt der andere dafür, dass der Weg frei ist, räumt Hindernisse beiseite und öffnet lautlos die Türen der Häuser. Der Ankou selbst ist absolut unbestechlich. Ohne Erbarmen erfüllt er seine Aufgabe, empfängt die Seelen im Moment ihres Dahinscheidens und geleitet sie sicher in die Unterwelt.
Der Sage nach befindet sich der Eingang zu dieser kalten, in ewige Nebelschwaden gehüllten Unterwelt mitten im Yeun Elez. Das Moor, das Sie vom Gipfel des Mont Saint-Michel de Brasparts aus überblicken können, gilt seit jeher als das „Höllentor“ der Bretagne.
Der Volksglaube kennt schaurige Regeln für die Nachfolge des Todesboten:
Man sagt, der erste Tote, der zu Beginn eines neuen Jahres beerdigt wird, muss für das folgende Jahr den Dienst als Ankou antreten. In manchen Legenden ist es auch der letzte Tote des alten Jahres, der den Karren mit den Seelen durch die Nacht ziehen muss.
Einer anderen, noch düstereren Legende nach wird jener zum Ankou, der als Erster lebendig auf einem neu geweihten Friedhof begraben wird. Es heißt sogar, dass es in vergangenen Zeiten Menschen gab, die sich für dieses schwere Los freiwillig wählen ließen.
Ankou wird Ihnen immer wieder begegnen in der Bretagne
Neben dem Ankou gibt es in den Monts d’Arrée noch andere Wesen, denen man nach Einbruch der Dunkelheit lieber nicht begegnen möchte. Der Volksglaube erzählt von den rastlosen Seelen der Verstorbenen, die in den Vollmondnächten auf der Suche nach Erlösung durch die Heide irren.
Doch Vorsicht ist besonders geboten, wenn Sie in einer hellen Nacht oder gar in der Nacht vor Allerheiligen an einem Bachlauf vorbeikommen. Dort könnten Sie auf die „Lavandières de la nuit“ (bretonisch: Kannerezed-noz) treffen.
Diese großgewachsenen, grobknochigen und totenblassen Waschfrauen knien am Ufer und waschen die Leichentücher derer, die bald sterben werden. Wenn sie einen Wanderer entdecken, bitten sie ihn mit krächzender Stimme um Hilfe beim Auswringen der schweren, nassen Tücher.
Ein Treffen mit ihnen ist eine Prüfung auf Leben und Tod:
Die Verweigerung: Wer ihnen die Hilfe versagt, wird kurzerhand in die tiefen, schwarzen Löcher des Moores gestoßen, aus denen es kein Entkommen gibt.
Die tödliche Falle: Wer einwilligt, muss genau aufpassen. Man muss das Tuch immer in die entgegengesetzte Richtung der Drehung der Waschfrauen bewegen, sonst verwickeln sich die Hände ausweglos in dem kalten Leinen, die Arme brechen unter der übermenschlichen Kraft der Geisterwesen und das Todesurteil ist gesprochen.
"Les Lavandières de la nuit", Yan' Dargent, 1861, Ölmalerei auf Stoff.
Zu sehen im Musée des beaux-arts in Quimper
In den Monts d’Arrée war der Glaube an umherirrende, schuldbehaftete Seelen so stark, dass sich ein grausames exorzistisches Ritual entwickelte. Wenn eine Seele keine Ruhe fand und die Lebenden heimsuchte, wurde ein Priester zur Hilfe gerufen.
Der Priester rang in einem Gebetskampf mit der unreinen Seele, bis es ihm schließlich gelang, sie in den Körper eines schwarzen Hundes fahren zu lassen. Doch die Gefahr war damit noch nicht gebannt.
Nach Einbruch der Dunkelheit begann der gefährlichste Teil des Rituals: Der Priester und sein Gehilfe, der Rektor von Saint-Rivoal, führten das besessene Tier tief in das unwegsame Moor des Yeun Elez. Dort, an einer Stelle, die die Einheimischen Youdig nennen, mussten die Geistlichen barfuß bis an die Knie in das kalte Moorwasser steigen. Mit einer letzten Beschwörung stießen sie den schwarzen Hund in ein brodelndes, bodenloses Loch – das direkte Tor zur Unterwelt. Nur so konnte die Seele endgültig gebannt und der Frieden im Dorf wiederhergestellt werden.
Wenn Sie heute die Kirchen und Kapellen rund um das Massiv besuchen, sollten Sie den Blick nach oben richten. Auf einigen Dächern und Simsen sitzen bis heute aus Stein gemeißelte Hunde. Sie sind keine bloße Dekoration, sondern steinerne Zeugen dieser Legende und erinnern an die Macht des Glaubens über die Geister der Moore.
Statue auf der Kirche Saint Raymond in Audierne
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