Die Pointe du Raz, bretonisch „Beg ar Raz“, ist weit mehr als nur eine Landspitze. Das Wort "Raz" steht im Bretonischen für eine besonders starke Meeresströmung – und genau diese Naturgewalt spürt man hier an jeder Ecke.
Die über 70 Meter hohe, zerklüftete Steilküste aus Granit ist eine der atemberaubendsten Landschaften der Bretagne.
Die Salamanca der Brittany Ferries auf ihrem Weg von Nordspanien nach England
Wenn Sie ganz vorne auf den Klippen stehen und den Blick über den Raz de Sein schweifen lassen, wird Ihnen die Macht der Elemente schlagartig bewusst:
Die Kraft des Wassers: Bei Sturm bieten die Naturgewalten ein gigantisches Schauspiel, wenn sich die gewaltigen Wellen des Atlantiks am Phare de la Vieille (dem Leuchtturm) brechen.
Blick zur Île de Sein: An klaren Tagen scheint die flache Île de Sein auf der anderen Seite der Strömung zum Greifen nah zu sein.
Ein Highway der Weltmeere: Verweilen Sie einen Moment und beobachten Sie den Horizont. Die Pointe du Raz ist ein Logenplatz für Schiffsbegeisterte. Vom historischen Großsegler bis hin zu den riesigen Fährschiffen der Brittany Ferries, die zwischen Nordspanien und England kreuzen, gibt es hier ständig etwas zu entdecken.
Der Sémaphore auf der Pointe du Raz
Hoch oben auf der Landspitze thront der im Jahr 1838 erbaute Sémaphore der Pointe du Raz. Doch das markante Gebäude ist weit mehr als ein historisches Denkmal: Als „Sémaphore de 1ère catégorie“ untersteht er der Marine Nationale und ist ein aktiver Teil der nationalen Sicherheit.
Sicherheit auf See: Sie überwachen den Schiffsverkehr im berüchtigten Raz de Sein sowie in der Bucht von Douarnenez und der Bucht von Audierne. Sie sind das Auge der Marine und koordinieren im Notfall die ersten Schritte.
Wetterbeobachtung: Neben der optischen Überwachung erfüllen sie wichtige meteorologische Aufgaben. Die Daten, die hier gesammelt werden, sind für die Vorhersagen an dieser exponierten Lage der Westbretagne unerlässlich.
Umweltschutz: Auch die Überwachung von Meeresverschmutzungen gehört zum verantwortungsvollen Aufgabenbereich der Späher.
Möchten Sie den Spähern der Marine einmal über die Schulter schauen? In den Sommermonaten (Juli und August) öffnet der Sémaphore für wenige Besucher seine Pforten. Da es sich um eine aktive militärische Anlage handelt, sind die Bedingungen streng, aber das Erlebnis ist einmalig.
Wann: Aktuell (2026) werden diese Besichtigungen weiterhin angeboten, allerdings hängen sie immer von der jeweiligen Sicherheitslage (Vigipirate-Stufe) und der Verfügbarkeit des Marinepersonals ab.
Dauer: Die Führung dauert etwa 30 Minuten.
Exklusivität: Pro Termin werden maximal acht Personen zugelassen – eine rechtzeitige Planung ist also unerlässlich.
Der Aufstieg: Wer dabei sein will, muss zunächst die 84 Stufen zum Beobachtungsposten erklimmen.
Oben angekommen, erwartet Sie nicht nur ein unvergleichlicher 360-Grad-Ausblick, sondern auch die hochmoderne Technik der Marine. Sie erfahren aus erster Hand, wie Schiffe in Not lokalisiert werden und wie die präzisen Wetterdaten in Echtzeit an das Hauptquartier in Brest übermittelt werden.
Eine Teilnahme ist nur auf Voranmeldung möglich. Sie können Ihren Platz direkt vor Ort an der Pointe du Raz im pyramidenförmigen „Maison du Site“ reservieren oder sich über folgende Wege melden:
Telefon: 02.98.70.67.18
E-Mail: [email protected]
Die Statue „Notre-Dame des Naufragés“ („Muttergottes der Schiffbrüchigen“) Cyprien Godebski (1835-1909)
Zwischen dem Sémaphore und dem Atlantik steht ein stilles Monument des Gedenkens: die Statue der „Notre-Dame des Naufragés“ (Muttergottes der Schiffbrüchigen).
Die Statue aus edlem Carrara-Marmor wurde vom Bildhauer Cyprian Godebski als Hommage an die mutigen Seenotretter geschaffen. Ursprünglich war sie für eine Gemeinde im Département Côtes-d’Armor gedacht. Doch wie das Schicksal (und die schwierigen politischen Verhältnisse des Jahres 1904) es wollte, konnte sie dort nicht aufgestellt werden.
Godebski übergab sein Werk daraufhin dem Bischof von Quimper – jedoch unter der Bedingung, dass er den Standort selbst mitbestimmen durfte.
Die Wahl fiel auf die exponierte Pointe du Raz. Nachdem der Marine-Präfekt seine Zustimmung gegeben hatte, wurde die Statue direkt vor dem Sémaphore platziert. Seit ihrer Einweihung am 3. Juli 1904 wacht die Muttergottes über die oft tückischen Gewässer des Raz de Sein und die Seefahrer in Not. Ein interessantes kirchenrechtliches Detail: Die Statue befindet sich bis heute im Besitz des Bistums von Quimper.
Finistère leitet sich vom lateinischen „Finis Terrae“ ab – das Ende der Welt. Doch wenn man vor der Landkarte sitzt, stellt sich die Frage: Ist die Pointe du Raz tatsächlich der westlichste Punkt des französischen Festlands?
Rein wissenschaftlich betrachtet, gibt es im Finistère Punkte, die noch ein Stück weiter westlich in den Atlantik ragen – wie zum Beispiel die Landspitze beim berühmten Leuchtturm von Saint-Mathieu oder die Pointe de Kermovan bei Le Conquet.
Doch die Statistik verblasst, sobald man selbst dort oben steht: Wenn Sie hoch oben auf den schroffen Granitfelsen stehen, sich ganz vorne gegen den salzigen Wind stemmen und tief beeindruckt auf die unendliche Weite des Atlantiks hinausschauen, dann ist die Pointe du Raz die „gefühlte Wirklichkeit“.
Hier, an diesem mystischen Ort, endet die Welt in diesem Moment ganz real.
Die Pointe du Raz trägt stolz das Prädikat „Grand Site de France“. Diese Auszeichnung wird nur den bedeutendsten Naturdenkmälern des Landes verliehen. Das erklärt jedoch auch, warum sie – besonders während der Sommermonate – ein wahrer Besuchermagnet ist.
Wer den Blick über den Raz de Sein schweifen lässt, entdeckt eine Welt voller maritimer Legenden. Von hier aus haben Sie die „Wächter der See“ direkt im Blick:
Phare de la Vieille & Phare de Tévennec: Diese beiden Türme trotzen unmittelbar den gefährlichen Strömungen im Atlantik vor der Pointe du Raz.
Ar Men – Der „Hölle der Höllen“: Weit draußen am Horizont, noch weit hinter der Île de Sein, ragt der berühmte Ar Men aus dem Atlantik. Er ist der am weitesten von der Küste entfernte Leuchtturm Frankreichs. Seine Baugeschichte ist legendär: Ganze 14 Jahre harter Arbeit unter extremsten Bedingungen waren nötig, um dieses monumentale Bauwerk auf einem winzigen Felsen zu vollenden.
Tipp: Wenn Sie mehr über diese faszinierenden Bauwerke erfahren möchten, schauen Sie doch mal in unsere separate Rubrik Leuchttürme.
La Vieille, der Grand Phare de l'Île de Sein und ganz hinten der Phare d'Ar Men
Der Leuchtturm von Tévennec, der lange den Ruf hatte, verflucht zu sein
Die Pointe du Raz ist nicht nur ein Ort der Geografie, sondern auch ein Ort der Sagen und Legenden. Wenn der Wind in den Felsspalten pfeift, fällt es leicht, an die alten Geschichten zu glauben, die sich die Bretonen seit Jahrhunderten erzählen.
Tief unter den Klippen hat der Atlantik einen gewaltigen Stollen in den Granit gespült, den man die „Hölle von Plogoff“ nennt. Die Legende besagt, dass die Seelen der Ertrunkenen hierher zurückkehren. Man sagt, in stürmischen Nächten könne man ihr Klagen und Stöhnen tief aus dem Inneren des Felsens hören – ein ewiges Mahnmal an die Unberechenbarkeit des Meeres.
Eine andere, schaurige Sage erzählt von Fischern, die mitten in der Nacht durch ein energisches Klopfen an ihren Türen geweckt wurden.
Der Ruf: Wie unter einem Zwang folgten sie unsichtbaren Kräften hinunter zur Küste.
Die Fracht: Dort warteten Boote, die bis zum Rand mit den Geistern der kürzlich Verstorbenen beladen waren.
Die Überfahrt: Die Fischer mussten die Ruder ergreifen und die Boote durch die gefährliche Strömung des Raz de Sein bis zur Île de Sein (Enez-Sun) steuern.
Die Ankunft: Sobald die Boote die Insel erreichten, flüsterten geisterhafte Stimmen die Namen der Fischer im Wind. Im nächsten Augenblick leerte sich das Boot – die Seelen hatten ihr Ziel erreicht und die Fischer waren wieder allein in der Dunkelheit.
Zwischen der majestätischen Pointe du Raz und ihrer Nachbarin, der Pointe du Van, liegt eine Bucht, deren Name schon Gänsehaut bereitet: die „Baie des Trépassés“ – die Bucht der Verstorbenen. Doch dieser Name ist nicht bloßer Zufall, sondern tief in den Legenden der Bretagne verwurzelt.
Die Kelten sahen diesen Ort der Überlieferung nach als ein Tor zur Anderswelt. Hierher brachten sie einst ihre Verstorbenen, um sie auf ihre letzte Reise zur mystischen Île de Sein zu verschiffen – jener Insel, die als Vorhof des Paradieses oder der Toteninsel galt.
Bis heute besagt eine alte Sage, dass sich in jedem Jahr am 2. November, dem Tag von Allerseelen, die Seelen der Ertrunkenen in der Baie des Trépassés versammeln.
Geisterhafte Gischt: Wer an diesem besonderen Tag das Glück oder die Kühnheit besitzt, in der Bucht zu verweilen, kann sie sehen: Wie weiße Gischtflocken sollen sie über die schäumenden Wellenkämme tanzen.
Stimmen im Wind: Und wenn man die Ohren spitzt, kann man ihr leises Flüstern, ihr Seufzen und Klagen im Heulen des Windes hören – eine ewige Erinnerung an jene, die das Meer für sich beansprucht hat.
La Baie des Trépassés, von hier werden der Legende nach die Seelen der Verstorbenen ins Jenseits verschifft. Am 2. November ein ganz besonderer Ort.
Wer heute über die Pfade der renaturierten Pointe du Raz wandert, ahnt kaum, dass hier einst ein Ort der Gastlichkeit stand, dessen Ende stellvertretend für den Wandel der Landspitze steht.
Im Jahr 1950 errichtete Marie Le Coz zusammen mit ihrem Mann das Hôtel de l’Iroise. Es war ein bescheidener Ort mit zwölf Zimmern, der sich erst nach und nach dem Komfort der Moderne öffnete: 1956 gab es den ersten Strom, und erst 1970 folgte eine Heizung. Madame Le Coz war eine Wirtin der alten Schule – ihr erstes Menü kostete bescheidene 4 Francs 50. Sie orientierte sich bei ihren Preisen stets an dem, was sie selbst bereit gewesen wäre zu zahlen.
Doch die Pointe du Raz wurde zum Opfer ihres eigenen Erfolgs. Immer mehr Touristen kamen, wilde Trampelpfade zerfurchten die Heide, und provisorische Imbissbuden störten das Bild. Die Regierung in Paris ordnete schließlich eine radikale Renaturierung an.
Als die Pointe du Raz 1989 zum „Grand Site National“ erklärt wurde, gab es kein Zurück mehr: Das „Ende der Welt“ sollte wieder so wild aussehen wie vor der Ankunft des Menschen. Für das Hotel der damals 77-jährigen Madame Le Coz gab es keinen Bestandsschutz und keine Gnade. Alle Widersprüche wurden abgelehnt.
Im Februar 1996 vollzogen Bagger den „Abriss im Namen des Naturschutzes“. In nur dreißig Minuten wurde dem Erdboden gleichgemacht, was Madame Le Coz 46 Jahre lang aufgebaut und bewahrt hatte – eine längere Zeit, als ihr mit ihrem verstorbenen Ehemann vergönnt gewesen war.
Marie Le Coz verließ ihren Posten mit nur wenigen Habseligkeiten: ihrem Fernseher, dem Buffet und den Fotografien des Atlantiks, die einst die Wände ihres Hotels geschmückt hatten. Sie kehrte nie wieder an die Pointe du Raz zurück. Sie wollte die Landspitze ohne ihr Hotel nicht sehen.
Wenn Sie heute an der Stelle stehen, wo einst das Hotel de l'Iroise stand, finden Sie dort nur noch den immer wehenden Wind und das für die Küste so typische Heidekraut. Es ist ein Sieg für die Natur, aber auch ein Ort, der die stille Trauer einer Frau in sich trägt, die hier ihr Herz gelassen hat.
Hotel de l'Iroise, alte Postkarte
Die Geschichte von Marie Le Coz und ihrem verlorenen Lebenswerk wurde von dem Filmemacher Mark-Steffen Göwecke in einem bewegenden Kurzfilm festgehalten. Sein Werk „L’Hôtel“ (oder auch bekannt unter dem Titel „Das kleine Hotel am Ende der Welt“) wurde auf zahlreichen Filmfestivals gezeigt und ausgezeichnet.
Der Film gibt Madame Le Coz eine Stimme:
Persönliche Einblicke: Sie erzählt darin selbst von den 46 Jahren an der Landspitze. Von den Stammgästen, die alle zwei Monate für eine Woche kamen – nicht um die Natur zu belasten, sondern um in aller Ruhe die endlose Weite des Atlantiks zu genießen.
Ein sprachliches Erbe: Besonders berührend ist, dass man sie im Film selbst hören kann. Da Madame Le Coz nur Bretonisch sprach, ist der Film für das deutsche Publikum entsprechend übersetzt, bewahrt aber ihre authentische Ausstrahlung.
Marie Le Coz kehrte nach dem Abriss ihres Hotels in ihr Geburtsdorf Lescoff (Plogoff) zurück. Anfang 2008 verstarb sie im Alter von 88 Jahren in Cléden-Cap-Sizun im Altersheim. Ihr Hotel ist verschwunden, doch durch Göweckes Film bleibt die Erinnerung an die Gastfreundschaft am „Ende der Welt“ lebendig.
Film-Tipp: Wer tiefer in diese melancholische Geschichte eintauchen möchte, findet Informationen und Ausschnitte zum Film unter:
Besonders magisch zeigt sich die Pointe du Raz in den Abendstunden. Wenn sich der Himmel verfärbt und die Sonne langsam im Atlantik versinkt, wird einem die exponierte Lage im äußersten Westen erst richtig bewusst.
In diesem Moment bietet sich Ihnen ein Panorama, das man nie wieder vergisst:
In der Ferne: Die flache Silhouette der Île de Sein, hinter der am Horizont der legendäre Phare d'Ar-Men wie ein einsamer Wächter thront.
Im Vordergrund: Der Leuchtturm La Vieille, der in der Brandung des Raz de Sein steht und mit seinem ersten Leuchtfeuer die Nacht einläutet.
Es ist der Moment, in dem die Zeit für einen Augenblick stillzustehen scheint und man die raue Seele des Finistère am intensivsten spürt.
Was wäre ein Ausflug ans „Ende der Welt“ ohne eine Kostprobe der berühmten bretonischen Backkunst? Auf dem Weg zur oder von der Landspitze sollten Sie unbedingt einen Stopp in Plogoff einlegen.
In der „Biscuiterie de la Pointe du Raz“ erwartet Sie die ganze Vielfalt der bretonischen Leckereien. Von den klassischen, hauchdünnen Galettes und den butterzarten Palets bis hin zum berühmten Kouign-Amann – hier findet jeder sein Lieblingsgebäck. Es ist der perfekte Ort, um hochwertige Souvenirs einzukaufen oder sich für das Picknick an den Klippen zu stärken.
Die Biscuiterie liegt direkt an der Hauptverbindung zur Landspitze:
Adresse: Route de la Pointe du Raz, 29770 Plogoff
Tipp: Oft kann man vor Ort zusehen, wie die Spezialitäten frisch gebacken werden – der Duft von Butter und Karamell ist unwiderstehlich!
Für alle, die nach der Wanderung an den Klippen Hunger auf das bretonische Nationalgericht haben, gibt es direkt an der Pointe du Raz eine ganz besondere Adresse: die Crêperie L’Ar Men.
Hier schwingt kein Geringerer als Stéphane Pichon die Kelle. Im Jahr 2020 wurde er offiziell zum besten Crêpier Frankreichs gekürt – eine Auszeichnung, die Kenner aufhorchen lässt. Selbst der renommierte Gastronomieführer Gault & Millau führt sein Haus als Empfehlung.
Stéphane Pichon setzt konsequent auf lokale Produkte und verbindet seine Kreationen eng mit der Heimat, dem Cap Sizun. Das spiegelt sich sogar in den Namen der Gerichte wider:
Für den herzhaften Hunger: Probieren Sie die „Galette Bestrée“, verfeinert mit fangfrischem Taschenkrebsfleisch – benannt nach dem kleinen Hafen Bestrée direkt unterhalb der Klippen.
Für Süßschnäbel: Die „Crêpe Lescoff“ ist eine Hommage an das Nachbardorf. Sie wird mit hausgemachtem Caramel au Beurre Salé (gesalzenes Butterkaramell) und einer außergewöhnlichen Kugel Buchweizeneis serviert.
Auf Youtube zeigen wir Ihnen das schönste Ende der Welt:
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