Phares - les sentinelles de la mer
Leuchttürme - die Wächter der Meere
Die bretonische Küste gilt unter Seefahrern als eine der gefährlichsten der Welt. Um die Schiffe sicher durch tückische Strömungen und vorbei an zerklüfteten Felsen zu leiten, wurde hier eine der höchsten Leuchtturmdichten der Erde geschaffen. Allein an der Landzunge des Finistère reihen sich 23 Leuchttürme und 63 Leuchtfeuer wie eine schützende Perlenkette an der Küste entlang.
Die Bretonen nennen diese monumentalen Bauwerke ehrfürchtig „Les cathédrales de la mer“ (Kathedralen des Meeres) oder „Les sentinelles de la mer“ (Wächter des Meeres). Doch für die Männer, die in ihnen arbeiteten, hing die Lebensqualität völlig vom Standort ab. So entstand eine fast religiöse Hierarchie der Arbeitsplätze:
L’Enfer (Die Hölle): Leuchttürme, die isoliert mitten im tobenden Ozean auf winzigen Felsen stehen. Hier waren die Wärter den Naturgewalten schutzlos ausgeliefert, oft wochenlang von der Außenwelt abgeschnitten, wenn der Wellengang eine Ablösung verhinderte.
Le Purgatoire (Das Fegefeuer): Türme auf kleinen Inseln. Sie boten etwas mehr Platz als die Türme auf offener See, waren aber dennoch isoliert und weit weg von den Annehmlichkeiten des Festlands.
Le Paradis (Das Paradies): Leuchttürme auf dem Festland. Hier lebten die Wärter mit ihren Familien, hatten Gärten und konnten ein normales soziales Leben führen – das Ziel jeder Wärter-Laufbahn, das jedoch oft erst am Ende erreichbar war.
Heute ist der romantische, aber einsame Beruf des Leuchtturmwärters Geschichte. Die Romantik der Leuchtfeuer in der Nacht ist geblieben, doch ihr Herzschlag ist nun automatisiert.
Der letzte Abschied: Der Phare de l’Île Vierge (ein „Fegefeuer“) war der letzte bemannte Turm seiner Kategorie. Am 29. Oktober 2010 verließen hier die letzten Wärter ihren Posten.
Automatisierung der letzten Hölle: Der berühmte Phare de Kéréon, eine der berüchtigtsten „Höllen“ im Meer, wurde bereits am 29. Januar 2004 automatisiert. Seitdem wird sein Licht per Fernsteuerung vom Phare du Créac’h auf der Insel Ouessant kontrolliert.
Phare de la Vieille im Raz de Sein
Die 23 Leuchttürme des Finistère sind weit mehr als nur Orientierungspunkte; sie sind technische Meisterleistungen, die weltweit ihresgleichen suchen. Vor allem die Île d’Ouessant, die legendäre „Insel der Leuchttürme“, nimmt hier eine Sonderstellung ein. Mit fünf Türmen kommt statistisch gesehen ein Leuchtturm auf gerade einmal 160 Einwohner.
Phare du Stiff: Er ist der Dienstälteste. Bereits 1685 vom berühmten Festungsbaumeister Vauban geplant, trotzt er seit über 300 Jahren dem Atlantik.
Phare du Créac’h: Er ist das Kraftwerk unter den Türmen. Mit seiner gewaltigen Optik gehört er zu den stärksten Leuchttürmen der Welt und schleudert sein Licht bis zu 120 Kilometer weit über den Ozean
Phare de Kéréon: Er markiert das Ende der großen Bauära (1907–1916). Mitten im Meer errichtet, beeindruckt er im Inneren durch edle Holzvertäfelungen und Parkettböden – ein bizarr anmutender Luxus in der „Hölle“.
Bei Plouguerneau ragt ein Monument aus Granit in den Himmel: Der Phare de l’Île Vierge.
Mit 82,5 Metern ist er der höchste aus Naturstein errichtete Leuchtturm Europas.
Sein Inneres ist ebenso spektakulär wie seine Höhe: Die Wände sind mit über 12.000 Azulejos (Opalglaskacheln) verkleidet, um den Turm gegen die salzige Feuchtigkeit zu isolieren. Wer die 365 Stufen erklimmt, wandelt durch einen gläsernen Zylinder.
Einen düsteren Gegenpol zu den stolzen Rekordhaltern bildet der Phare de Tévennec. Er ist berüchtigt als der Leuchtturm, um den sich die meisten unheimlichen Geschichten ranken:
Gelegen in der gefährlichen Strömung des Raz de Sein, hielten es viele Wärter hier nicht lange aus. Der Leuchtturm hat in nur fünfunddreißig Jahren dreiundzwanzig Leuchtturmwärter verschlungen. Viele von ihnen, so heißt es, haben dort ihr Leben oder ihren Verstand verloren.
Legenden berichten von Schreien, die nachts im Wind zu hören sein sollen. „Haltet euch vom Felsen fern, dort befindet sich eine Kolonie verfluchter Toter. Es sind so viele, dass ihr dort keinen Fuß an Land setzen könnt“, so hieß es am Festland.
Phare de Tévennec
In einer "Hölle" (Enfer) Dienst zu tun, bedeutete nicht nur Einsamkeit, sondern auch das Risiko, niemals pünktlich abgelöst zu werden. Das Manöver der Ablösung war ein gefährlicher Tanz mit den Elementen, der Nerven aus Stahl erforderte.
Da die meisten Hochsee-Leuchttürme wie der Phare de la Jument, Ar Men oder Kéréon direkt auf steilen Felsen ohne Anlegestelle stehen, konnte ein Boot niemals sicher festmachen. Die Prozedur lief nach einem strengen, lebenswichtigen Schema ab:
Die goldene Regel: Zuerst wurde der neue Mann hinaufgezogen, damit im Falle eines Unglücks beim Rückweg niemals ein Wärter allein im Turm zurückblieb. Es mussten immer mindestens zwei Männer auf Posten auf dem Turm sein.
Oft machten Sturm und gewaltiger Seegang jede Annäherung unmöglich. Aus einer geplanten zweiwöchigen Schicht konnten so schnell drei, vier oder sogar sechs Wochen werden.
Warten auf das Wetter: Die Wärter im Turm konnten die Ablöseboote oft am Horizont sehen, mussten aber zusehen, wie diese unverrichteter Dinge wieder abdrehen mussten, weil die Wellen zu hoch waren.
Knappe Vorräte: In solchen Zeiten wurden die Lebensmittel rationiert, und die psychische Belastung durch die verlängerte Isolation in der engen "Hölle" wurde zur Zerreißprobe.
Video: https://www.youtube.com/watch?v=mURQHPEM_DI
"Spektakulärer Schichtwechsel auf hoher
See"
Der legendäre Ar Men, die Hölle der Höllen
Inmitten des berüchtigten Raz de Sein, dort wo der Atlantik mit unbändiger Wucht gegen die Untiefen presst, steht der wohl unheimlichste Wächter der Bretagne: der Phare de Tévennec. Gemeinsam mit seinem Partner, dem monumentalen Phare de La Vieille, markiert er eine Passage, deren Name bereits Programm ist: „Raz“ bedeutet auf Bretonisch schlicht „starke Strömung“.
Um diesen einsamen Felsen mit seinem kleinen Leuchtturm ranken sich Legenden, die so alt sind wie die Seefahrt selbst. Tévennec liegt an einer mystischen Route:
Die Residenz des Ankou: Eine alte Überlieferung besagt, dass der Ankou – die bretonische Verkörperung des Todes – auf Tévennec seinen festen Wohnsitz hat. In stürmischen Nächten soll er mit seiner klapprigen Barke von hier aus in die Baie des Trépassés (die Bucht der Verschiedenen) aufbrechen, um die Seelen der Verstorbenen einzusammeln und sie zur heiligen Île de Sein hinüberzufahren.
Die ruhelosen Seelen der Schiffbrüchigen: Vor dem Bau des Leuchtturms im Jahr 1875 war der Felsen eine tödliche Falle. Fischer erzählen sich, dass die Geister jener Unglücklichen, die sich zwar auf das nackte Gestein retten konnten, dort aber einsam verdursteten oder verhungerten, bis heute keine Ruhe finden.
Am 15. März 1875 nahm der Phare de Tévennec nach einer mühsamen, fünfjährigen Bauzeit seinen Dienst auf. Doch was als Triumph der Ingenieurskunst galt, wurde für die Männer auf dem Felsen schnell zum psychischen Albtraum.
In der bürokratischen Logik der französischen Marineverwaltung wurde Tévennec zunächst als „fanal de quatrième catégorie“ eingestuft. Die Konsequenzen für den ersten Wärter waren verheerend:
Totale Einsamkeit: Er musste den Dienst komplett allein verrichten, da für diese Kategorie nur ein Wärter vorgesehen war.
Ein Jahr Isolation: Nur zwei bis drei Wochen pro Jahr war es ihm gestattet, den winzigen Felsen zu verlassen.
Die psychische Last: Ohne menschliche Ansprache, gefangen zwischen dem Tosen des Atlantiks und den unheimlichen Geräuschen des Windes in den Felsspalten, galt dieser Posten bald als unzumutbar.
Schon bald verbreiteten sich unter den Seeleuten düstere Berichte vom Felsen. Bewerber für Tévennec wurden zur Seltenheit, da sich auf dem Felsen unerklärliche Dinge zu ereignen schienen. Um den Dienstbetrieb aufrechtzuerhalten, sah sich die Verwaltung zu drastischen Maßnahmen gezwungen:
Der zweite Wärter: Die Einsamkeit wurde durch die Genehmigung eines zweiten Mannes gemildert, doch die Spannungen auf engstem Raum blieben extrem.
Frauen auf Tévennec: Als letzte Rettung gegen den drohenden Wahnsinn erlaubte man schließlich den Wärtern, ihre Ehefrauen mitzubringen. Für ein karges Gehalt von 50 Francs wurden die Frauen offiziell angestellt, um ihre Männer in die Isolation zu begleiten.
Tévennec wurde so zum einzigen Leuchtturm der Kategorie „Hölle“, in dem – aus reiner Not – Familien lebten. Es war der Versuch, ein Stück Normalität an einen Ort zu bringen, der laut Legenden dem Tod gewidmet war.
Originalbauplan von Tévennec, Quelle: Archives Départementales du Finistère
Die Geschichte von Tévennec ist gezeichnet von Blut, Verzweiflung und Phänomenen, die selbst gestandene Seeleute das Fürchten lehrten. Schon während des Baus schien der Felsen seine Opfer zu fordern; Arbeiter verloren ihr Leben oder kehrten mit gebrochenem Verstand ans Festland zurück.
Die Liste der Schicksale, die sich ab 1874 auf dem Felsen abspielten, liest sich wie ein Schauerroman. Alle Wärter hörten angeblich während der Nacht immer wieder stundenlang die Hilferufe und die Schreie von Schiffbrüchigen und Ertrunkenen. Die Fluktuation der Leuchtturmwärter war beispiellos in der französischen Marinegeschichte:
Henri Guézennec: Einer der ersten Wärter, der dem Wahnsinn verfiel. Er war besessen von Stimmen, die ihm auf Bretonisch zuraunten: „Kers cuit, kers cuit... Ama ma ma flag“ (Verschwinde, verschwinde... hier ist mein Platz).
Alain Menou: Er versuchte dem Spuk mit Logik zu begegnen, hielt länger durch, endete aber ebenfalls im geistigen Dämmerzustand.
Die tödliche Serie: Selbst eine offizielle Exorzismus-Zeremonie durch einen Priester aus Plogoff, bei der unter anderem ein Kreuz auf Tévénnec errichtet wurde, brachte keine Ruhe. Zwei weitere Wärter starben unter mysteriösen Umständen, ein dritter verblutete qualvoll nach einem bizarren Unfall mit einem Messer.
1881 fand man schließlich mit Corentin Coquet einen Mann mit dem notwendigen stoischen Durchhaltevermögen: Er blieb tatsächlich 15 Jahre auf dem Felsen und unterhielt das Leuchtfeuer. Ab 1898 wurden dann nur noch Ehepaare als Leuchtturmwärter nach Tévennec geschickt. Ohne großen Erfolg. Nur ein Ehepaar blieb etwas länger auf der Felseninsel. Nachdem auch dieser Versuch, den Wahnsinn zu bändigen gescheitert war, ging die Ära der menschlichen Wärter 1910 zu Ende.
Niemand war mehr bereit, freiwillig einen Fuß auf Tévennec zu setzen. In der Folge wurde er als einer der ersten Leuchttürme Frankreichs komplett automatisiert – der Mensch zog sich von diesem unheimlichen Ort zurück.
Erst in der jüngeren Geschichte fanden Taucher die naturwissenschaftliche Erklärung für die „Schreie der Ertrunkenen“.
Das Höhlensystem: Der Fels unter dem Turm ist von tunnelartigen Unterwasserhöhlen und Spalten durchzogen.
Der physikalische Effekt: Wenn die gewaltigen Gezeitenströmungen des Raz de Sein das Wasser mit hohem Druck in diese Hohlräume pressen, entweicht die Luft durch Risse im Gestein nach oben. Dabei entstehen Töne, die täuschend echt wie menschliche Hilferufe oder klagende Stimmen klingen.
Auch das Kreuz und der Exorzismus konnten die 'bösen Geister' nicht fernhalten
Über ein Jahrhundert lang wagte es niemand mehr, auch nur eine einzige Nacht auf dem verfluchten Felsen zu verbringen. Doch im Frühjahr 2016 trat ein Mann an, um den Bann zu brechen: Marc Pointud, der Vorsitzende des Vereins zur Rettung der Leuchttürme (SNBP). Sein Ziel war es, mit der Aktion „Lumière sur Tévennec“ (Licht auf Tévennec) weltweite Aufmerksamkeit für den Erhalt dieser maritimen Kathedralen zu wecken.
Schon der Beginn des Projekts glich einem schlechten Omen. Tagelang peitschten Stürme gegen den Felsen, sodass kein Boot anlegen konnte. Alte Bretonen warnten Pointud: „Tévennec will nicht, dass man ihn betritt. Bleib an Land!“ Doch Pointud bewies echten bretonischen Eigensinn. Er ließ sich kurzerhand mit einem Helikopter auf dem winzigen Eiland absetzen – es gab kein Zurück mehr.
Sechzig einsame Tage und Nächte verbrachte Pointud in dem feuchten Gemäuer. Als er schließlich mit einem Schlauchboot abgeholt wurde, war sein Resümee überraschend:
Das Paradies: Er beschrieb Tévennec als einen außergewöhnlichen Ort der Ruhe, ein einsames Paradies inmitten der Gewalt des Ozeans.
Das Geräusch: Geister sah er keine, doch er gab zu: „In zwei oder drei Nächten hintereinander habe ich Lärm gehört...“ Mit einem wissenden Lächeln fügte er hinzu, dass es dafür sicher eine ganz normale Erklärung gäbe – wohl wissend um die hohlen Gänge im Felsen.
Die wahre Erkenntnis seiner Isolation auf Tévennec war jedoch erschütternd. Pointud fand den Leuchtturm in einem beklagenswerten Zustand vor:
Feuchtigkeit: Das Dach war undicht, die Mauern von Salzwasser und Algen durchtränkt.
Verfall: Sein Fazit war ein Weckruf: „Wenn nichts passiert, wird das Gebäude einfach irgendwann verschwunden sein.“
Was lange Zeit wie ein aussichtsloser Kampf gegen den Verfall aussah, ist heute Realität geworden. Dank eines Abkommens zwischen der SNPB und dem französischen Staat (vertreten durch die Küstenschutzbehörde DIRM NAMO) befindet sich der Phare de Tévennec in einer Phase der umfassenden Restaurierung.
Da Tévennec keinen Anleger besitzt, ist die Baustelle eine der komplexesten an der französischen Küste.
Offizieller Sanierungsplan: Es läuft ein umfassendes Restaurierungsprogramm unter der Leitung des französischen Staates. Tévennec wurde aufgrund seines schlechten Zustands ganz oben auf die Prioritätenliste gesetzt.
Abgeschlossene Arbeiten (bis einschließlich 2025):
Die gesamte Dachkonstruktion aus Eichenholz wurde ersetzt.
Das Gebäude erhielt eine neue, wetterfeste Kupfereindeckung, um das Eindringen von Regenwasser dauerhaft zu stoppen.
Da es keinen Anleger gibt, wurden alle schweren Materialien (wie die 300 kg schweren Eichenbalken) per Hubschrauber-Luftbrücke auf den Felsen transportiert.
Aktuelle Phase (2026): In diesem Jahr werden die Außenfenster und Türen (die sogenannten Menuiseries) ersetzt. Diese wurden in den Werkstätten der Meeresbehörde (DIRM) passgenau vorgefertigt und werden nun eingebaut, um das Gebäude endgültig wind- und wasserdicht zu machen. Dies ist die Voraussetzung dafür, dass das Innere überhaupt jemals wieder bewohnbar wird.
Marc Pointud und sein Verein haben bereits eine offizielle Genehmigung (AOT - Autorisation d'Occupation Temporaire), den Leuchtturm für kulturelle Zwecke zu nutzen.
Erfolgreiche Tests: Der Musiker Molécule (Romain De La Haye) verbrachte bereits Zeit auf Tévennec, um dort ein komplettes Musikalbum aufzunehmen, das ausschließlich aus den Klängen und dem Rhythmus des Meeres auf diesem Felsen besteht. Das war quasi der "Proof of Concept".
Staatliche Anerkennung: Der Staat unterstützt die Sanierung gerade deshalb, weil eine neue Nutzung (wie eben eine Künstlerresidenz) die beste Garantie dafür ist, dass das Gebäude nicht wieder verfällt. Ein bewohntes Gebäude wird gepflegt; ein leeres Gebäude wird vom Salz zerfressen.
Die Vision 2026+: Ziel ist es, Tévennec in ein „Haus der Inspiration“ zu verwandeln. Künstler sollen dort für mehrere Wochen in Abgeschiedenheit arbeiten können – ähnlich wie Pointud während seiner 60 Tage, nur unter sichereren und trockeneren Bedingungen. Man darf gespannt sein, ob die Vision jemals umgesetzt werden wird.
Wer an der Pointe du Raz steht und den Blick über den Atlantik schweifen lässt, kommt an seinem Anblick nicht vorbei: Der Phare de la Vieille thront majestätisch auf dem Felsen Gorlebella. Zusammen mit seinem „Partner“, dem Phare de Tévennec, bildet er das leuchtende Tor durch die gefährliche Passage des Raz de Sein.
Der Bau (1882–1887) war ein technischer Kraftakt. Da der Fels Gorlebella fast ständig von extrem starken Strömungen umspült wird, konnten die Arbeiter oft nur bei absolutem Niedrigwasser und ruhiger See landen. Das Ergebnis ist ein quadratischer Turm mit kunstvollen Ecksteinen, der trotz seiner Eleganz wie eine Festung gegen die Wellen wirkt.
Obwohl La Vieille als einer der gefährlichsten Türme galt, was die Wechsel der Leuchtturmwärter anging, war er einer der letzten Leuchttürme, die automatisiert wurden. Bis zum 14. November 1995 versahen hier Leuchtturmwärter ihren Dienst.
Nervenkrieg beim Wachwechsel: Die Ablösung war hier besonders berüchtigt. Wegen der mörderischen Strömung des Raz de Sein konnte das Versorgungsboot niemals direkt nah am Felsen halten. Die Wärter mussten im berüchtigten „Ballon“ an einem Seil über die tosenden Abgründe zwischen Boot und Turm schweben.
Gefangen in der „Hölle“: Es war keine Seltenheit, dass die See im Raz de Sein wochenlang „Nein“ sagte. Die Wärter sahen das Ablöseboot am Horizont erscheinen, doch die Wellen machten jedes Manöver oder gar eine Annäherung unmöglich. Die psychische Belastung, das Ziel vor Augen zu haben und doch in der Gischt gefangen zu bleiben, war immens.
Die Automatisierung im Jahr 1995 markierte das Ende der bemannten Leuchttürme im Raz de Sein. Heute wird das Leuchtfeuer der „Alten Dame“ per Fernsteuerung vom Phare du Creac’h auf Ouessant überwacht. Die prächtigen Wohnräume im Inneren, die einst mit edlen Hölzern ausgekleidet waren, sind heute verwaist – doch das Licht von La Vieille weist den Seeleuten noch immer den Weg vorbei an den tückischen Untiefen einer der gefährlichsten Passagen in Europa.
Die Automatisierung von La Vieille im Jahr 1995 vollzog sich unter großem Leid; die letzten Wärter weigerten sich, 'ihren' Leuchtturm zu verlassen.
Am 8. November wurden sie schließlich per Hubschrauber vom Turm geholt. Jean Donnart, der fast zwanzig Jahre auf La Vieille verbracht hatte, war nach Michel Rozenn, Jean-Guy Lasbleis und Noël Fouquet der letzte Leuchtturmwärter, der mit einer Seilwinde von ‚seinem‘ Leuchtturm "weggerissen" wurde und „am Ende seines Seils tanzte”, wie Louis Cozan in seinem wunderschönen Lied „Gardien de phare” (Leuchtturmwärter) singt.
„Das Ende eines schönen Abenteuers, das leider tragisch endet. Der Leuchtturm La Vieille – ohne Menschen und ohne Seele! Welche Traurigkeit! Was würden wohl unsere Vorfahren denken! Auf Wiedersehen, La Vieille, oder vielleicht bis bald…“
Dies sind die letzten Worte im Wachbuch des Phare de la Vieille, aber es wird leider niemals ein ‚Bis bald‘ geben. Der ab diesem Zeitpunkt automatisierte Leuchtturm ist nun „ohne Menschen und ohne Seele”, wie Jean Donnart unter Tränen schrieb.
Von der Île de Sein nach Ouessant: Die digitale Wacht
Nachdem die letzten Wächter den Felsen Gorlebella und La Vieille verlassen hatten, übernahm die Technik das Kommando.
Die erste Phase (1995): Unmittelbar nach dem Abzug der Wärter wurde das Licht von der benachbarten Île de Sein aus gesteuert. Die Bewohner der Insel fühlten sich weiterhin als die natürlichen Hüter „ihrer“ Leuchttürme im Raz de Sein.
Die Zentralisierung (Heute): Im Jahr 2026 ist die Überwachung längst zentralisiert. Wie ein digitales Spinnennetz laufen die Signale fast aller großen Leuchttürme des Finistère im Kontrollzentrum am Phare du Créac’h auf der Insel Ouessant zusammen. Sensoren melden heute in Millisekunden, wenn eine Optik stockt oder ein LED-Modul ausfällt.
Weit hinter der Île de Sein, dort, wo das Cap Sizun nur noch eine ferne Erinnerung am Horizont ist, steht das isolierteste Bauwerk Frankreichs: der Phare d’Ar Men.
24 Kilometer vom Festland entfernt, am äußersten Ende der tückischen Untiefen der Chaussée de Sein, markiert er die Grenze zwischen der Welt der Menschen und dem endlosen Atlantik.
Der Name ist so schlicht wie die Herausforderung gewaltig war: Ar Men ist das bretonische Wort für „Der Stein“. Doch eben dieser Stein war kaum vorhanden. Der Felsen, auf dem der Turm errichtet werden sollte, taucht nur bei extremem Niedrigwasser bei Springfluten für wenige Minuten aus den Fluten auf.
14 Jahre Kampf: Von 1867 bis 1881 dauerten die Bauarbeiten. In den ersten Jahren konnten die Arbeiter nur wenige Stunden pro Jahr auf dem Felsen verbringen.
Stein auf Stein gefesselt: Jedes Granitstück musste mit Eisenankern im Untergrund befestigt werden. Später wurde der Sockel massiv verstärkt, da man fürchtete, die schiere Wucht der Winterstürme würde den Turm einfach vom Sockel reißen.
Ar Men trägt den Beinamen „Hölle der Höllen“ (L’Enfer des Enfers) aus gutem Grund. Während andere Leuchttürme zumindest Sichtkontakt zum Land oder anderen Inseln boten, war man hier völlig auf sich allein gestellt.
30-Meter-Wellen: Wenn die schweren Winterstürme über die Chaussée de Sein fegen, schlagen die Wellen bis zu 30 Meter hoch gegen den Schaft des Turms. Das gesamte Gebäude vibriert dann unter der Wucht des Wassers, und das ohrenbetäubende Brüllen des Ozeans macht jede normale Unterhaltung im Inneren unmöglich.
Gefangene des Wetters: Die Ablösung war hier ein Glücksspiel. Es kam vor, dass Wärter über Monate auf Ar Men festsaßen, weil die See so rau war, dass kein Boot auch nur in die Nähe des „Steins“ kommen konnte. In diesen Zeiten schrumpften die Vorräte, und die Stille zwischen den Stürmen wurde zur Zerreißprobe für den Geist und das Miteinander im Turm.
Wenn die schweren Winterstürme aufzogen, änderte sich das Leben im Inneren von Ar Men dramatisch. Um die Wucht der Brecher zu überstehen, wurden die kleinen Fenster mit massiven Metallplatten verriegelt.
Tage ohne Licht: Die Wärter verharrten oft tagelang in völliger Dunkelheit, nur spärlich beleuchtet vom gelblichen Schein weniger Kerosinlampen.
Die Kälte des Granits: In den unbeheizten Räumen kroch die feuchte Kälte des Atlantiks durch jede Ritze. Das einzige Geräusch war das markerschütternde Beben des Turms, wenn die 30 Meter hohen Wellen gegen die Basis schlugen.
Die extreme Erfahrung auf Ar Men hat einige der bedeutendsten Werke der maritimen Literatur hervorgebracht. Wer die Atmosphäre dieser „Hölle“ nachempfinden möchte, findet in diesen Werken packende Zeugnisse:
Jean-Pierre Abraham – „Ar Men“: Abraham verbrachte von 1959 bis 1963 vier Jahre als Wärter auf dem Turm. Sein autobiografischer Roman gilt als Meisterwerk; er beschreibt die beklemmende Einsamkeit und die metaphysische Erfahrung, wenn man nur noch aus Warten und dem Rhythmus des Lichts besteht. Auf Deutsch erhältlich.
Henri Queffélec – „Un feu s’allume sur la mer“: Dieser Roman setzt dem heroischen und mörderischen Bau des Leuchtturms ein Denkmal. Er schildert den 14-jährigen Kampf der Arbeiter gegen einen Ozean, der seinen „Stein“ nicht hergeben wollte.
Emmanuel Lepage – „Ar Men: Die Hölle der Höllen“: Für deutsche Leser bietet diese preisgekrönte Graphic Novel (ISBN: 978-3962191306) eine visuell gewaltige Reise. Lepage fängt die Urgewalt der Wellen und die Enge im Turm in beeindruckenden Zeichnungen ein.
Im Jahr 2022 wurde die Laterne von Ar Men restauriert
Ar Men, nur einige Kormorane und Baßtölpel leitsten ihm heute noch Gesellschaft
Am 10. April 1990 verließen die letzten Leuchtturmwärter den „Stein“. Seit diesem Tag verrichtet Ar Men seinen Dienst vollautomatisch. Doch auch ohne menschliche Präsenz bleibt seine Botschaft an die Seefahrer unmissverständlich und kraftvoll.
In der dunklen Einsamkeit des Atlantiks sendet Ar Men ein präzises Signal, das Kapitänen den Weg um die gefährliche Chaussée de Sein weist:
Optisches Signal: Alle 20 Sekunden blitzen drei weiße Lichter auf.
Akustisches Signal: Bei Nebel oder schlechter Sicht sendet der Turm alle 60 Sekunden drei extrem laute Töne, die kilometerweit über das Wasser schallen.
Für Besucher des Cap Sizun ist Ar Men die ultimative Herausforderung für das Auge. Wenn Sie an der Pointe du Raz stehen und das Glück eines absolut klaren Tages haben, richten Sie Ihren Blick weit nach Westen, über die Île de Sein hinaus. Dort, wo der Ozean den Himmel berührt, blitzt er manchmal auf – ein winziger, unbeugsamer weiß-schwarzer Strich im Blau des Atlantiks.
Ar Men, deutlich zu erkennen rechts hinter der Île de Sein, von der Pointe du Raz
An der Südspitze der Bucht von Audierne, auf der Pointe de Saint-Pierre, ragt eines der meistbesuchten Monumente der Region in den Himmel: der Phare d’Eckmühl. Er ist das Ziel eines perfekten Ausflugs von Plouhinec aus in Richtung Süden.
Dass dieser Turm so prunkvoll ist, verdanken wir einer großzügigen Spende der Marquise de Blocqueville. Sie vermachte dem Staat 1892 ein Vermögen unter einer Bedingung: Der Leuchtturm müsse den Namen ihres Vaters tragen, des Marschalls Davout, der von Napoleon zum Fürsten von Eckmühl ernannt worden war. Ihr Wunsch: Dass das Licht des Turms die Leben rettet, die ihr Vater einst auf dem Schlachtfeld forderte.
Wer die rund 307 Stufen der Wendeltreppe erklimmt, wird im Inneren von einer Architektur überrascht, die man eher in einem Schloss als in einem Leuchtturm vermuten würde:
Edle Materialien: Die Wände sind mit glänzenden Opalglaskacheln verkleidet, und die Treppe verfügt über ein kunstvoll geschmiedetes Geländer.
Der Rundblick: Oben angekommen, öffnet sich ein Panorama, das jeden Atemzug wert ist. Der Blick schweift weit über den Atlantik, im Osten erkennt man die Fischereihafen-Silhouette von Le Guilvinec und im Westen die weite Bucht von Audierne.
Die Pointe de Saint-Pierre mit dem Phare d'Eckmühl
Die Geschichte des Phare d’Eckmühl nahm eine dramatische Wendung, noch bevor der erste Stein gelegt war. Ursprünglich hatte der französische Staat im Oktober 1892 lediglich 110.000 Francs für einen funktionalen Neubau an der Pointe de Saint-Pierre eingeplant. Doch nur zwei Monate später änderte ein Testament alles.
Das Vermächtnis der Marquise Die Marquise Adélaïde-Louise d’Eckmühl de Blocqueville verstarb und hinterließ die damals astronomische Summe von 300.000 Francs für den Bau eines Leuchtturms. Ihr Motiv war zutiefst bewegend: Sie wollte den Namen ihres Vaters, des napoleonischen Marschalls Davout (Fürst von Eckmühl), ehren. Wo er einst auf den Schlachtfeldern Leben gefordert hatte, sollte nun ein Turm in seinem Namen unzählige Leben retten.
Zwei Bedingungen für das Licht
Die Erbschaft war an zwei klare Forderungen geknüpft:
Eine Expertenkommission prüfte daraufhin die Küstenlinie und entschied, dass die Granitfelsen der Pointe de Penmarc’h der ideale Standort für dieses Jahrhundertbauwerk seien.
Dank der großzügigen Spende konnte der Turm nicht nur höher gebaut werden, sondern auch mit edelsten Materialien wie Opalglas und Bronze ausgestattet werden, was ihn heute zu einem der schönsten Architekturdenkmäler Frankreichs macht.
Die Marquise d'Eckmühl und ihr Vater, der Maréchal Louis Nicolas Davout
Quelle :Wikimedia Commons
Hinter der prachtvollen Architektur des Phare d’Eckmühl verbirgt sich eine Geschichte von Reue und der Hoffnung auf Wiedergutmachung. Die Marquise Adélaïde-Louise d’Eckmühl de Blocqueville handelte nicht aus reinem Stolz auf ihren Vater, den berühmten Maréchal Louis Nicolas Davout. Vielmehr quälte sie das Wissen um die blutige Spur, die sein Aufstieg zum „Prinz von Eckmühl“ in der Schlacht bei Eggmühl (Bayern) hinterlassen hatte.
Das Testament der Sühne
In einer Zeit, in der das Militär oft verherrlicht wurde, fand die Marquise klare Worte gegen die Gewalt. Ihr Testament ist ein beeindruckendes Zeugnis ihrer pazifistischen Überzeugung:
„Les larmes versées par la fatalité des guerres, que je redoute et déteste plus que jamais, seront ainsi rachetées par les vies sauvées de la tempête.“
„Die Tränen, vergossen durch das Verhängnis des Krieges, vor dem ich mich fürchte und den ich mehr denn je hasse, mögen durch die vom Sturm geretteten Leben freigekauft werden.“
Leben gegen Leben
Der Leitgedanke der Marquise war so einfach wie kraftvoll: Das Licht von Eckmühl sollte symbolisch jedes Leben „zurückzahlen“, das ihr Vater auf den Schlachtfeldern Napoleons ausgelöscht hatte. Jedes Schiff, das dank des Turms sicher den Hafen von Penmarc'h erreicht, ist ein Sieg des Lebens über die Zerstörung der Vergangenheit.
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