Ouessant, die westlichste Insel der Bretagne, ist ein Ort von wilder Schönheit und tiefer Melancholie. Nur acht Kilometer lang und vier Kilometer breit, trotzt sie etwa zwanzig Kilometer vor der Küste – dort, wo der Ärmelkanal in den offenen Atlantik übergeht – den gewaltigen Stürmen. Über 100 winzige Dörfchen verteilen sich über das karge Land, in denen knapp 850 Inselbewohner mit echter bretonischer Eigenwilligkeit dem Meer die Stirn bieten.
Früher war Ouessant als die „Insel der Frauen“ bekannt. Während die Männer oft für Monate oder gar Jahre als Seeleute auf den Weltmeeren unterwegs waren, lag das Schicksal der Insel in weiblicher Hand. Die Frauen bestellten die kargen Felder, versorgten das Vieh und hielten die Häuser instand. Sie waren das Rückgrat der Inselgesellschaft.
Wer über die Insel wandert, bemerkt sofort die blau gestrichenen Fensterläden, Türen und Möbel vieler Häuser. Diese Farbe ist der Jungfrau Maria gewidmet, der Schutzheiligen der Seeleute. Doch trotz ihres Schutzes kehrten viele Väter, Söhne und Ehemänner nie heim.
Auf dem Friedhof der Inselhauptstadt Lampaul zeugen unzählige Gräber von diesem hohen Preis der Seefahrt. Ein bekannter Spruch auf Ouessant lautet:
„Das Meer nimmt und das Meer gibt.“
Man lebt hier im Einklang mit den Naturgewalten – mit dem, was das Meer an die Küsten spült, und im stillen Gedenken an jene, die für immer auf See geblieben sind.
Die See rund um Ouessant ist berüchtigt: Die Strömungen sind tückisch und gefährlich, und der Wind pfeift hier nicht nur während der großen Herbst- und Frühjahrsstürme. Er ist ein ständiger Begleiter, der das Gesicht der Insel geformt hat.
Auf Ouessant scheint sich alles den Elementen unterzuordnen. Bäume sind eine Seltenheit; die wenigen, die es gibt, wachsen windgebeugt und verkümmert, als würden sie sich vor der nächsten Böe ducken. Nur die robustesten Pflanzen halten dem permanenten Salzsprühnebel und dem Sturm stand:
Violettes Heidekraut und leuchtend gelber Ginster prägen das karge Landschaftsbild.
Wilde Brombeeren krallen sich am felsigen Boden fest.
Die kleinen Häuser mit ihren charakteristischen blauen Läden wirken wie Schutzburgen gegen die Naturgewalten.
Wie unberechenbar die Kräfte hier sind, zeigt die Geschichte der Energiegewinnung auf der Insel. Man erzählt sich auf Ouessant noch heute von dem kläglichen Versuch, die ständige Brise mit einem Windrad in Strom zu verwandeln. Doch die Technik war der Wildheit der Insel nicht gewachsen: Ein besonders heftiger Sturm brachte die stolze Errungenschaft kurzerhand zum Einsturz.
Es ist eine Lektion in Demut, die die Inselbewohner längst gelernt haben: Gegen den Willen von Ouessant lässt sich nur schwer etwas dauerhaft errichten.
Selbst die Tierwelt hat sich den extremen Bedingungen der Insel perfekt angepasst.
Das Ouessant-Schaf gilt als die kleinste Schaafsrasse der Welt. Ouessant Schafe sind trittsicher, zäh und tragen ein extrem dickes, meist dunkles Fell, das sie vor dem ständigen Salzsprühnebel und dem peitschenden Wind schützt.
Wussten Sie schon?
Auf der Insel leben tatsächlich deutlich mehr Schafe als Menschen. Sie sind die eigentlichen „Landschaftspfleger“ von Ouessant und halten das Gras zwischen den Felsen kurz.
Da es auf der Insel kaum Zäune gibt, werden die Tiere oft mit den charakteristischen Steinmauern vor Ort gehalten. Ein Foto dieser urigen kleinen Tiere gehört für jeden Besucher zum Pflichtprogramm!
Die Ehrfurcht der Seeleute vor den Gewässern rund um Ouessant und das Molène-Archipel spiegelt sich seit Jahrhunderten in düsteren Sprichwörtern wider. Wer diese Inseln besucht, spürt noch heute den Grund für diese Warnungen.
Ein berühmtes bretonisches Sprichwort beschreibt das Risiko, das die Fischer und Seefahrer früher eingingen, wenn sie die Inseln des Finistère ansteuerten:
Qui voit Molène voit sa peine.
Qui voit Ouessant voit son sang.
Qui voit Sein voit sa fin.
Qui voit Groix voit sa croix.
(Wer Molène sieht, sieht sein Leid. Wer Ouessant sieht, sieht sein Blut. Wer Sein sieht, sieht sein Ende. Wer Groix sieht, sieht sein Kreuz.)
Diese Zeilen erinnern daran, dass jede dieser Inseln von tückischen Riffen und einer unberechenbaren See umgeben ist, die über Jahrhunderte unzählige Schiffe forderten.
Die Angst vor „Fromveur“
Besonders gefürchtet war schon immer die Passage zwischen dem Molène-Archipel und Ouessant, bekannt als der Fromveur-Strom. Hier trifft der Atlantik mit einer solchen Wucht auf die Inselkette, dass eine der stärksten Strömungen Europas entsteht. Ein Sprichwort sagt kurz und knapp:
Nul n'a passé Fromveur sans connaître la peur.
(Niemand fährt durch den Fromveur, ohne die Angst kennenzulernen.)
Heute bringen Sie die modernen, leistungsstarken Schiffe der Reederei Penn Ar Bed sicher durch diese Passage. Doch wenn man bei Wellengang an Deck steht und das aufgewühlte, tiefblaue Wasser beobachtet, kann man die Angst der alten Segler auch heute noch ein wenig nachempfinden.
Die düsteren Sprichwörter der Seeleute sind nicht aus Aberglauben, sondern aus bitterer Erfahrung geboren. Die tückischen Strömungen und die schroffen Granitklippen vor Ouessant wurden unzähligen Schiffen zum Verhängnis.
Das schwerste Unglück ereignete sich im Juni 1896. Das britische Passagierschiff Drummond Castle war auf dem Weg nach London, als es in einer nebligen Nacht das gefürchtete Riff der „Pierres Vertes“ rammte. Innerhalb weniger Minuten versank der stolze Dampfer in den Fluten der Passage du Fromveur.
Ein Akt der Menschlichkeit
Von den fast 250 Menschen an Bord konnten nur drei Überlebende von den Bewohnern der Inseln Molène und Ouessant gerettet werden. Die Insulaner zeigten dabei einen beispiellosen Einsatz: Trotz ihrer eigenen Armut kümmerten sie sich um die Schiffbrüchigen und bargen unter Lebensgefahr die Toten aus der Brandung.
Spuren der Geschichte
Dieses Ereignis hat auf den Inseln bleibende Spuren hinterlassen:
Cimetière des Anglais: Auf Molène befindet sich der „Friedhof der Engländer“, wo 29 der geborgenen Opfer ihre letzte Ruhestätte fanden.
Dankbarkeit der Krone: Königin Victoria war so gerührt von der selbstlosen Hilfe der Bretonen, dass sie der Insel Molène eine Zisterne und der Insel Ouessant einen prachtvollen Kirchturm stiftete.
Wenn Sie heute über die Inseln wandern, begegnen Ihnen diese Denkmäler der Menschlichkeit inmitten einer rauen Natur. Es ist ein Ort, an dem man die Ehrfurcht vor dem Meer mit jedem Schritt spürt.
Le Petit Parisien, Supplément illustré du 5 juillet 1896, der Untergang der Drummond Castle
Es ist kein Zufall, dass Ouessant unter Seeleuten den Beinamen „Kap Hoorn Europas“ trägt. Dieser Titel beschreibt die extreme Herausforderung, die diese Region für die Schifffahrt darstellt.
Das Fahrwasser zwischen Ouessant und Molène, die berühmte Passage du Fromveur, ist berüchtigt für die gefährlichste Gezeitenströmung Europas. Wenn sich die Flut mit ungeheurer Kraft durch diese Meerenge presst, entstehen Strömungsgeschwindigkeiten, gegen die selbst moderne Schiffe ankämpfen müssen.
In Kombination mit den unzähligen, knapp unter der Wasseroberfläche lauernden Felsenriffen verwandelt sich die See hier bei schlechtem Wetter oder Nebel rasch in eine tödliche Falle.
Um dieses „Kap Hoorn“ zu sichern, wurde rund um Ouessant eine Dichte an Leuchttürmen errichtet, die weltweit ihresgleichen sucht. Sie sind die stummen Zeugen eines jahrhundertelangen Kampfes gegen die Naturgewalten:
Phare du Créac’h: Mit seinem schwarz-weißen Streifenmuster ist er einer der lichtstärksten Leuchttürme der Welt.
Phare de la Jument: Er entstand dank einer großzügigen Spende, steht mitten im Atlantik auf einem Felsen und wurde durch ein spektakuläres Foto weltberühmt.
Phare de Nividic: Eine technische Meisterleistung, der westlichste Leuchtturm Frankreichs.
Die "Passage du Fromveur " ist bei Seefahrern gefürchtet
Die technischen Daten der Passage du Fromveur lesen sich wie eine Warnung der Natur selbst: Die Strömungsgeschwindigkeit erreicht hier bis zu neun Knoten (etwa 4,5 Meter pro Sekunde). Das bedeutet, dass das Wasser mit der Gewalt eines reißenden Gebirgsflusses durch die Meerenge presst.
Das Gefährliche ist das Relief unter der Wasseroberfläche: Der Atlantikboden springt hier abrupt von 100 Metern Tiefe auf nur noch 10 Meter an. Zusammen mit den unzähligen Riffen und dem oft plötzlich aufziehenden, dichten Nebel entstehen unberechenbare Verhältnisse, die selbst für modernste Navigationsgeräte eine Herausforderung darstellen.
Die Geschichte der Seefahrt rund um Ouessant ist daher auch eine Geschichte großer Katastrophen, deren Wracks heute Taucher aus aller Welt anziehen:
Die „Olympic Bravery“ (1976): Ein 331 Meter langer Gigant, der an den Klippen von Ouessant strandete. Ein Glück im Unglück war, dass der Tanker leer war und „nur“ sein eigener Treibstoff die Küsten verschmutzte.
Die Tragödie der „Amoco Cadiz“ (1978): Nur zwei Jahre später folgte das bis heute schwerste Umweltdesaster der Region. Nordöstlich von Ouessant rammte der Tanker ein Riff und brach auseinander. 223.000 Tonnen Rohöl ergossen sich in den Ozean und verseuchten 360 Kilometer der bretonischen Küste – ein traumatisches Ereignis, das den Küstenschutz in der Bretagne für immer veränderte.
Als Reaktion auf diese Katastrophen wurde Ouessant zu einem der modernsten Überwachungszentren des Seeverkehrs weltweit. Wenn Sie heute an der Westspitze der Insel stehen, blicken Sie auf eine der am stärksten befahrenen Schifffahrtsstraßen der Welt (den „Rail d'Ouessant“). Große Radaranlagen überwachen nun jeden Frachter, damit sich die Geschichte der „Amoco Cadiz“ niemals wiederholt.
Der Öltanker Amoco Cadiz verursachte die größte Ölkatastrophe Europas
Als direkte Konsequenz aus den verheerenden Ölkatastrophen der 1970er Jahre wurden die Schifffahrtswege radikal neu geordnet. Seit 1980 ist die gefährliche Abkürzung durch die Passage du Fromveur für Frachtschiffe und Tanker streng verboten.
Stattdessen nutzen heute über 50.000 Schiffe pro Jahr das sogenannte „Rail d’Ouessant“. Diese sechzig Kilometer breite, dreispurige „Autobahn auf See“ liegt weit außerhalb von Ouessant. Überwacht wird dieser gigantische Verkehrsfluss von einem 82 Meter hohen Radarturm auf der Insel, der wie ein Fluglotsenturm über die Sicherheit im Ärmelkanal wacht.
Sollte trotz aller Überwachung ein Schiff in Seenot geraten, tritt ein technisches
Kraftpaket auf den Plan: die Abeille Bretagne (früher Abeille Bourbon). Dieser imposante, 80 Meter lange Hochsee-Bergungsschlepper ist eine Legende in der Bretagne.
Einsatzbereitschaft: Das Schiff liegt in Dauerbereitschaft im Hafen von Brest (oder bei Nebel in der Bucht von Camaret-sur-Mer).
Power pur: Mit einer Leistung von 21.745 PS kann die „Abeille Bretagne“ selbst die größten Flugzeugträger oder vollbeladene Öltanker bei schwerster See sicher abschleppen.
Patrouille im Sturm: Sobald die Windgeschwindigkeit 25 Knoten überschreitet, verlässt der Schlepper den Hafen und patrouilliert vor der Küste, um im Ernstfall sofort eingreifen zu können, bevor ein Schiff an den Riffen von Ouessant zerschellt.
Es ist kein Zufall, dass Ouessant als die „Insel der Leuchttürme“ Weltruhm erlangt hat. Das Archipel ist von einem Gürtel aus Leuchtfeuern umgeben – einige thronen fest auf den Klippen, andere trotzen weit draußen im Atlantik einsam den haushohen Wellen. Dabei glänzt Ouessant mit beeindruckenden Superlativen.
Schon von weitem sticht er mit seinem markanten schwarz-weißen Ringelmuster ins Auge: Der 1863 erbaute Phare du Créac’h.
Europas Nummer Eins: Er besitzt die größte Leuchtkraft aller Leuchttürme in ganz Europa.
Wächter des Kanals: Er markiert für die internationale Schifffahrt den entscheidenden Punkt zur Einfahrt in den Ärmelkanal.
Weltklasse-Leistung: Seine Lichtsignale haben eine Reichweite von 32 Seemeilen – das sind fast 60 Kilometer. Damit zählt er zu den stärksten Leuchtfeuern der Welt.
Direkt auf der Rückseite des Phare du Créac’h, in der ehemaligen Maschinenhalle, befindet sich das „Musée des Phares et Balises“. Ein Besuch ist absolut empfehlenswert, um die Dimensionen dieser Bauwerke zu verstehen.
Das Museum ist zwar übersichtlich, aber didaktisch hervorragend aufbereitet:
Menschliche Schicksale: Sie erfahren alles über das entbehrungsreiche und oft einsame Leben der Leuchtturmwärter auf offener See – Männer, die wochenlang in Türmen mitten im tosenden Ozean isoliert waren.
Ingenieurkunst: Das Museum zeigt die fast unglaublichen Anstrengungen, die unternommen wurden, um diese tonnenschweren Bauwerke auf winzigen Felsen im Atlantik zu errichten.
Technikgeschichte: Die Ausstellung spannt den Bogen von den ersten, primitiven Kohlefeuern bis hin zu den hochmodernen Halogen-Leuchtfeuern von heute.
Während der Phare du Créac’h für moderne Superlative steht, entführt Sie der Phare du Stiff tief in die französische Geschichte. Er wurde bereits im Jahr 1685 erbaut und ist damit einer der ältesten noch aktiven Leuchttürme der gesamten Bretagne – vielleicht sogar der älteste überhaupt.
Sein markantes Aussehen verdankt er keinem Geringeren als dem berühmten Festungsbaumeister Ludwigs XIV., Sébastien Le Prestre de Vauban. Der Turm ähnelt eher einem Wehrturm als einem klassischen Leuchtturm und markiert stolz den östlichen Zugang zur Insel.
Das Besondere am Stiff:
Die Doppelstruktur: Das Bauwerk besteht aus einem einzigartigen Doppelturm. In einem der beiden Türme befindet sich das eigentliche Leuchtfeuer, während der zweite Turm ausschließlich den Treppenaufgang beherbergt.
Der Aufstieg: Wer die 126 Stufen der steinigen Wendeltreppe erklimmt, wird mit einem atemberaubenden Rundblick über das gesamte Archipel und die wilde Küstenlinie belohnt.
Wächter der Einfahrt: Er liegt auf dem höchsten Punkt der Insel, was ihm trotz seiner eigenen Höhe von „nur“ 32 Metern eine enorme Sichtbarkeit verleiht.
Wenn man an die Leuchttürme der Bretagne denkt, hat man meist ein ganz bestimmtes Bild vor Augen: Eine gigantische Welle schlägt über einem einsamen Turm zusammen, während ein Leuchtturmwärter scheinbar gelassen in der Tür steht. Dieser Turm ist La Jument, und er steht etwa zwei Kilometer vor der Südwestspitze von Ouessant.
Der Bau von La Jument ist untrennbar mit der Katastrophe der Drummond Castle von 1896 verbunden. Ein Bretone namens Charles Eugène Potron war von dem Schiffsunglück und den 250 Toten so erschüttert, dass er in seinem Testament eine beachtliche Summe von 400.000 Francs für den Bau eines Leuchtturms an genau dieser gefährlichen Stelle stiftete.
Der Bau auf dem winzigen Felsen mitten im Atlantik war ein technisches Himmelfahrtskommando. Begonnen im Jahr 1904, dauerte es sieben Jahre, bis das Leuchtfeuer 1911 endlich in Betrieb gehen konnte.
Obwohl La Jument seit 1991 automatisiert ist und keine Wärter mehr beherbergt, bleibt er eines der am stärksten beanspruchten Bauwerke der Welt. Bei schweren Stürmen erzittert der gesamte Turm unter der Wucht der Brecher – ein Zeugnis der unglaublichen Baukunst der damaligen Zeit.
Die dramatische Aura dieses Ortes blieb auch dem Kino nicht verborgen. In Philippe Liorets packendem Film „Die Frau des Leuchtturmwärters“ (L'Équipier) diente La Jument als zentrale Filmkulisse und vermittelt dem Zuschauer eindrucksvoll die Einsamkeit und die Gewalt der Natur, denen die Wärter früher ausgesetzt waren.
Weltberühmt wurde der Turm im Jahr 1989 durch den Fotografen Jean Guichard. Während eines gewaltigen Sturms hielt er aus einem Hubschrauber heraus genau in dem Moment den Auslöser gedrückt, als der Leuchtturmwärter Théodore Malgorn vor die Tür trat.
Malgorn hatte das Motorengeräusch des Hubschraubers für das Rettungsboot gehalten und wollte nachsehen – in diesem Augenblick türmte sich hinter ihm eine gigantische Wasserwand auf. Malgorn konnte sich im letzten Moment unverletzt wieder ins Innere retten. Das Foto gewann den zweiten Preis des World Press Photo Awards und schmückt heute unzählige Plakate und Postkarten weltweit.
Foto: Jean Guichard, Leuchtturm La Jument im Sturm
Mitten im gefährlichen Fromveur-Strom, auf dem Felsen „Men-Tensel“ zwischen Ouessant und Molène, steht ein Leuchtturm, der unter Seefahrern und Wärtern einen ganz besonderen Ruf genießt: der Phare de Kéréon. Er gilt aufgrund seiner prachtvollen Innenausstattung als einer der schönsten Leuchttürme Frankreichs.
Nach einer neunjährigen, extrem schwierigen Bauphase, die fast eine Million Francs verschlang, wurde Kéréon 1916 in Betrieb genommen. Während das Äußere dem Sturm trotzt, verbirgt sich im Inneren ein Anblick, den man eher in einem Pariser Stadtpalais vermuten würde:
Edelste Hölzer: Diele, Küche und die Schlafzimmer der Wärter sind mit feinster ungarischer Eichenholzvertäfelung ausgekleidet.
Der Ehrensaal: Das Prunkstück des Turms ist der sogenannte Ehrensaal. In den Boden wurde eine kunstvolle Windrose aus wertvollem Mahagoni- und Ebenholz eingelassen.
Das „Luxushotel“: Wegen dieser Ausstattung nannten die Leuchtturmwärter den Kéréon voller Hochachtung das „Palais“ oder „Luxushotel“ – ein kleiner Trost für die Isolation mitten im Ozean.
Obwohl er als „Palais“ galt, blieb das Leben dort draußen hart. Kéréon war die letzte der sogenannten „Höllen“ (Leuchttürme auf offener See), die dauerhaft von Wärtern besetzt war. Erst im Jahr 2004 wurde der Turm als letzter seiner Art in der Bretagne automatisiert. Heute wird sein Leuchtfeuer ferngesteuert vom Phare du Créac’h auf Ouessant überwacht.
Phare Kereon, innen, Salle d'Honeur, Photo: DIRM NAMO
An der wilden Westküste von Ouessant, vor der zerklüfteten Pointe de Pern, trotzt ein einsamer Turm der ewigen Gischt: der Phare de Nividic. Er markiert den westlichsten Punkt Frankreichs im Atlantik und steht inmitten eines Labyrinths aus gefährlichen Riffen und reißenden Strömungen.
Der Bau von Nividic war eine unglaubliche Geduldsprobe. Begonnen im Jahr 1912, dauerte es ganze 24 Jahre, bis der Turm 1936 endlich fertiggestellt wurde. Die enormen Strömungen ließen oft nur wenige Stunden Arbeit pro Monat zu. Doch kaum brannte das erste Licht, erlosch es 1940 wieder: Die deutsche Besatzung schaltete aus strategischen Gründen sämtliche Küstenlichter ab.
Was Nividic so besonders macht, sind die zwei seltsamen, verlassenen Türme, die zwischen der Insel und dem Leuchtturm im Meer stehen. Diese „Relaispfosten“ waren Teil einer kühnen Konstruktion:
Die einzige Seilbahn über dem Ozean: Ursprünglich sollten diese Türme eine Seilbahn stützen, um die Wärter sicher über die tobenden Wellen zu ihrem Arbeitsplatz zu bringen. Zudem hielten sie die Stromleitungen.
Sieg der Natur: Die salzige Luft und die Stürme ließen die Leitungen jedoch so schnell korrodieren, dass das System aufgegeben werden musste.
Die Rettung aus der Luft: 1958 erhielt Nividic als Weltneuheit eine hölzerne Hubschrauberplattform auf seinem Dach, damit Techniker für Wartungsarbeiten abgesetzt werden konnten. Später wurde diese durch eine moderne Aluminium-Plattform ersetzt.
Heute ist Nividic ein Vorreiter in Sachen Umweltschutz: Seit 1996 wird das Leuchtfeuer komplett autark durch Sonnenkollektoren gespeist.
Wandern Sie zur Pointe de Pern, wenn der Wind aus Westen kommt. Wenn die Wellen gegen die Felsen von Nividic schlagen und man die bizarren Überreste der alten Seilbahn-Türme im Wasser sieht, versteht man sofort, warum dieser Ort als einer der rauesten und gleichzeitig schönsten der Bretagne gilt
Wer an einem sonnigen Tag über die blühenden Heide- und Blumenwiesen der Insel wandert, bemerkt ein fast konstantes, sanftes Summen. Es ist das Geräusch einer weltweit einzigartigen Besonderheit: der Schwarzen Ouessant-Biene (Apis mellifera mellifera).
Auf Ouessant hat sich eine der letzten unvermischten Populationen der reinen bretonischen „Dunklen Biene“ erhalten. Dass sie hier so prächtig gedeiht, hat einen einfachen Grund: Die isolierte Lage der Insel wirkt wie ein natürlicher Schutzwall.
Varroamilben-frei: Ouessant ist einer der wenigen Orte weltweit, an denen die gefürchtete Varroamilbe niemals Fuß fassen konnte.
Ideale Bedingungen: Keine Pestizide, keine Industrieabgase und kein Lärm – die Bienen leben hier in einer ökologischen Nische, die auf dem Festland kaum noch zu finden ist.
Das lokale Bienenkonservatorium (Conservatoire de l'Abeille Noire) leistet Pionierarbeit. Es sichert nicht nur den Fortbestand dieser robusten Art, sondern züchtet auch gesunde Völker, um sie zur Wiederbesiedlung an das bretonische Festland zu liefern.
Aus dieser Symbiose von reiner Luft, wildem Thymian, Ginster und der Arbeit dieser gesunden Bienen entsteht ein Honig, der unter Kennern als einer der besten der Welt gilt. Er ist ein exquisites Souvenir und fängt den Geschmack der unberührten Inselflora perfekt ein.
Achten Sie in den kleinen Läden der Inselhauptstadt Lampaul auf den Honig der schwarzen Biene. Er ist aufgrund der begrenzten Produktionsmenge zwar etwas kostspieliger, aber sein intensives Aroma ist ein unvergleichlicher Genuss.
Dies ist die beste Wahl, wenn Sie den Ausflug mit einer Fahrt über die Halbinsel von Crozon verbinden möchten.
Anreise: ca. 1 Stunde 15 Fahrt von Plouhinec (über Douarnenez).
Vorteil: Man spart sich die Fahrt durch den Stadtverkehr von Brest.
Anbieter:
Penn Ar Bed: Die klassische, große Fähre.
Quai Louis Auguste Téphany
29570 Camaret-sur-Mer
Finistère, Bretagne
Tel. für Touren nach Ouessant-Molène : 02 98 80 80 80
IROISE EVASION: Die schnellen Schlauchboote (Zodiacs)
42 Quai G.Toudouze
29570 Camaret/Mer
Tel.: 02 98 27 67 67 oder 06 81 00 93 47 ou 06 20 83 17 84
Wenn Sie seekrankheitsanfällig sind oder die maximale Zeit auf der Insel verbringen wollen, lohnt sich die Fahrt nach Le Conquet.
Anreise: ca. 1 Stunde 40 Minuten von Plouhinec (einmal um die Bucht von Brest herum).
Vorteil: Die kürzeste Schifffahrt (nur ca. 35–45 Minuten bis Ouessant). Von hier aus starten auch die meisten Verbindungen.
Penn Ar Bed: Die Hauptlinie, fährt ganzjährig und täglich.
Finist'mer: Fährt saisonal (ca. Mai bis September) mit schnellen Schiffen.
Gare Maritime, Le Port, 29217 Le Conquet
Die Insel Molène ist die Hauptinsel des gleichnamigen Archipels, der aus rund zwanzig kleinen Inseln besteht. Sie liegt gut acht Kilometer von Ouessant entfernt in Richtung der Bucht von Brest und wirkt im Vergleich zu ihrer großen Nachbarin beinahe winzig. Das Inselchen ist nicht einmal einen Kilometer lang und misst an seiner breitesten Stelle gerade einmal 850 Meter.
Eine Stunde genügt, um die Insel gemütlich zu Fuß zu umrunden. Der Weg führt entlang der flachen Küstenlinie, wo überall Bänke aufgestellt sind. Hier können Sie wunderbar Rast machen und die weiten Ausblicke auf das Mer d’Iroise und die Silhouette von Ouessant genießen.
Trotz ihrer geringen Größe birgt Molène eine bewegte Vergangenheit. Interessant ist das kleine Museum zum Untergang des britischen Dampfers Drummond Castle im Jahr 1896. Die Katastrophe ereignete sich in der berüchtigten Passage du Fromveur zwischen Molène und Ouessant und prägt bis heute das Gedächtnis der Insel.
Die Bevölkerungszahlen erzählen von einem harten Überlebenskampf: 1904 lebten noch über 600 Menschen auf der Inselgruppe, heute sind es nicht einmal mehr 200.
Früher: Fischfang, die gefährliche Seefahrt und die mühsame Ernte von Meeresalgen (Algenwirtschaft) waren die einzigen Einnahmequellen.
Heute: Der Tourismus ist zum lebenswichtigen Wirtschaftszweig geworden. Die rund 50.000 Besucher pro Jahr – im Sommer etwa 1.000 pro Tag – sind für die Bewohner eine logistische Herausforderung, aber sie ermöglichen es ihnen auch, weiterhin auf ihrer Heimatinsel zu leben und zu arbeiten.
UNESCO-Weltnaturerbe: Bereits seit 1988 gehört das Archipel zusammen mit dem Mer d’Iroise zu diesem exklusiven Kreis der weltweit schützenswerten Naturräume.
Natura 2000: Als Teil dieses europäischen Netzwerks wird die Artenvielfalt hier aktiv überwacht und gefördert.
Naturpark Mer d’Iroise: Es ist der erste Meeresnaturpark Frankreichs, der den Schutz der Meeresumwelt mit einer nachhaltigen Nutzung durch den Menschen vereint.
Was Sie hier erleben können, ist in Europa fast einzigartig. Das Mer d’Iroise beherbergt nicht nur Europas größtes Seealgenvorkommen, sondern auch eine faszinierende Tierwelt:
Delfine und Robben: Eine sesshafte Kolonie von mehr als 60 Großen Tümmlern und bedeutende Kolonien von Kegelrobben sind hier zu Hause. Mit etwas Glück und einem wachsamen Auge kann man sie oft direkt vom Boot oder den Klippen aus beobachten.
Vogelparadies: Hunderte von Seevögeln, darunter seltene Arten, nutzen die unbewohnten Inselchen des Archipels als geschützte Nistplätze.
Reichtum unter Wasser: Die kühlen, sauerstoffreichen Strömungen bieten ideale Lebensbedingungen für unzählige Fisch- und Krustentierarten, was wiederum die Basis für die hohe Dichte an Meeressäugern bildet.
Ein ganz besonderes und emotionales Erlebnis ist ein Ausflug mit dem Zodiac (Schlauchboot) hinaus in die Mer d’Iroise.
Dort, wo der Atlantik auf den Ärmelkanal trifft und die Strömungen besonders nährstoffreich sind, ist die Chance auf eine Begegnung mit Meeressäugern fast garantiert.
Natur hautnah: In den wendigen und schnellen Booten sind Sie ganz nah an der Wasseroberfläche. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, wenn eine Gruppe Großer Tümmler plötzlich die Bugwelle des Bootes nutzt oder neugierige Kegelrobben ihren Kopf aus den Wellen strecken.
Respektvolle Begegnung: Die erfahrenen Guides der Anbieter kennen die Reviere der Tiere genau. Sie steuern die Boote so behutsam, dass die Tiere nicht gestört werden, Sie aber dennoch fantastische Beobachtungen und Fotos machen können.
Perspektivenwechsel: Vom Wasser aus wirken die Leuchttürme wie La Jument oder Kéréon noch einmal deutlich imposanter – man begreift erst dann wirklich, welcher Brandung diese Bauwerke standhalten müssen.
Für ein unvergessliches Abenteuer empfehlen wir eine Tour mit dem Zodiac von Iroise Explorer ab Camaret (ca. 70 Min. Fahrt von unseren Ferienhäusern) oder ab Crozon (ca. 60 Minuten Fahrzeit) .
In kleinen Gruppen geht es hinaus in das UNESCO-Weltnaturerbe Mer d'Iroise.
Ob bei einer Entdeckungstour zu den Kegelrobben und Leuchttürmen oder bei einem größeren Ausflug inklusive Landgang auf Molène – näher können Sie der wilden Natur der Bretagne nicht kommen.
Kontakt & Buchung:
https://www.iroise-explorer.com/
Presqu'île de Crozon, ports de Camaret et Morgat
29160 CROZON
Tel. 06 85 32 42 19
Für den Hunger zwischendurch empfiehlt sich unbedingt ein Besuch bei Sylvie Rocher im Restaurant „Au Vent des Îles“ (vielen noch als Crêperie bekannt), das malerisch oberhalb des Schiffsanlegers liegt.
Galettes & Meer: Hier können Sie die berühmten Würstchen in tollen Galette-Variationen genießen, oft kombiniert mit regionalen Algen oder anderen Spezialitäten des Archipels.
Frisch & Lokal: Die Küche setzt konsequent auf das, was die Fischer der Insel anlanden. Ob Fischsuppe, fangfrischer Fisch oder die herzhaften Galettes – man schmeckt die Nähe zum Ozean.
Ausblick: Von der Terrasse aus haben Sie einen Logenplatz mit Blick auf den Hafen und das Mer d'Iroise.
Ein Besuch auf Molène ist nicht komplett, ohne die legendäre Saucisse de Molène probiert zu haben. Diese Wurst ist einzigartig in der Bretagne und erzählt die Geschichte der Inselressourcen:
Das Geheimnis: Da es auf der baumlosen Insel früher kaum Holz zum Räuchern gab, nutzten die Insulaner das, was das Meer ihnen schenkte: getrocknete Meeresalgen (Laminarien).
Der Geschmack: Durch das Räuchern über den Algen erhält die Wurst ein ganz besonderes, leicht jodhaltiges und intensiv rauchiges Aroma.
Tipp: Wenn Sie ein Stück Molène mit nach Hause nehmen wollen, können Sie die echten Algen-Räucherwürstchen oft auch vakuumverpackt bei den lokalen Erzeugern oder im kleinen Inseleinkaufsladen für das Abendessen im Ferienhaus in Plouhinec kaufen!
Auf Youtube zeigen wir Ihnen das schönste Ende der Welt:
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