Bretonische Märchen und Mythen

Bretonische Märchen und Mythen, Bag Noz, das Nachtschiff

 

Die Bretagne besitzt einen reichen Schatz an Erzählungen, in denen sich christliche Vorstellungen, vorchristliche Mythen und jahrhundertealter Volksglaube miteinander verweben.

 

Viele dieser Überlieferungen sind nicht an eine einzelne Geschichte gebunden, sondern an Gestalten, die den Menschen über Generationen hinweg begegnet sind, in Erzählungen, Warnungen und nächtlichen Begegnungen.

 

Diese Wesen stehen an den Grenzen: zwischen Leben und Tod, zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem, zwischen dem Alltag der Menschen und der Welt des Jenseits. Sie wurden nicht erfunden, um zu unterhalten, sondern um zu erklären, zu mahnen und das Unbegreifliche fassbar zu machen.

 

Die folgenden Texte widmen sich solchen Gestalten der bretonischen Volksüberlieferung. Sie beruhen auf alten Quellen und überlieferten Vorstellungen und versuchen, den ursprünglichen Charakter dieser Figuren zu bewahren, jenseits späterer Romantisierungen oder moderner Deutungen.

 

Wer ihnen begegnet, betritt eine Welt, in der die Nacht noch Bedeutung hat und in der das Unsichtbare als ebenso wirklich gilt wie das Sichtbare.

 

Ankou, der Todesbote, Sagen und Legenden der Bretagne

Ankou -  der Todesbote

Kurze Erklärung

 

In der Bretagne ist Ankou eine der bekanntesten Gestalten der Volksüberlieferung.

 

Er erscheint als hochgewachsener, stiller Mann mit Mantel und breitkrempigem Hut, der seinen knarrenden Wagen durch die Nacht zieht.

 

Doch trotz seines düsteren Aussehens ist er keine böse Figur. Ankou ist nicht der Tod selbst, sondern sein Diener, derjenige, der die Seelen begleitet, wenn ihre Zeit gekommen ist. Er erfüllt nur seine Aufgabe, ruhig und ohne Grausamkeit.

 

Der bretonische Volksglaube sagt, dass derjenige, der im Dorf als Letzter im alten Jahr stirbt, im neuen Jahr zum Ankou wird. Er wird also für ein Jahr der Hüter der Grenze zwischen den Welten, der Sammler der Seelen der Verstorbenen.

 

Das macht den Ankou zu einer zutiefst menschlichen Gestalt: Er ist immer „einer von uns“, jemand aus dem Dorf, jemand, der das Leben der Menschen kannte, bevor er sie auf ihrem letzten Weg begleitet.

 

Darum fürchtet man ihn in der Bretagne eigentlich nicht. Man respektiert ihn, so wie man das Meer, den Wind und die alten Steine respektiert. Ankou ist ein Mahner zur Achtsamkeit, er erinnert daran, dass das menschliche Leben endlich ist.

 

Ankou, der Tod, Sagen und Legenden der Bretagne

Die Neujahrsnacht des Ankou

 

In der Bretagne sagt man, dass die Neujahrsnacht keine gewöhnliche Nacht sei. Wenn das alte Jahr vergeht und das neue noch keinen Namen trägt, stehen die Wege zwischen den Welten offen wie selten sonst.

 

In einem kleinen Dorf in den Monts d'Arrée machte sich einst ein junger Müller in dieser Nacht auf den Weg zu seiner Mühle, denn der Sturm hatte das Mühlrad beschädigt. Auf dem Hohlweg hörte er plötzlich, kurz vor Mitternacht, ein Knarren, langsam und schwer,als rolle ein Wagen ohne Last und doch voller Gewicht.

 

Dann sah er ihn. Ein großer, dürrer Mann im dunklen Mantel, mit breitkrempigem Hut und leuchtenden Augen, der einen Karren zog, auf dem nichts lag und der doch so schwer zu sein schien.

 

Der Müller wusste sofort, das musste Ankou sein, der Sammler der letzten Wege. Ankou blieb stehen und sprach mit einer Stimme wie trockene Blätter:

 

„Komm näher, junger Mann, und lausche zusammen mit mir. Es ist Zeit, die Wahrheit zu hören.“

 

Er hielt ein Buch in der Hand, doch der Müller sah nur leere Seiten und Ankou sprach weiter:

 

„In dieser Nacht bestimmen die Lebenden durch ihre Worte ihre Zukunft und ihr Schicksal im neuen Jahr.“

 

Da rauschte plötzlich der Wind stärker und der Müller erschrak, denn im Rauschen des Windes lagen Stimmen und man hörte plötzlich Worte der Dorfbewohner, gesprochen bei Feuer, Wein und gutem Essen. Da hörte man Wünsche, und Klagen, Worte des Zorns, der Missgunst, des Neids und des Hochmuts, aber auch Worte der Güte, der Nächstenliebe und der Hoffnung.

 

Ankou lauschte eine Weile, nickte schließlich langsam und sagte bedächtig zum Müller:

„Merke Dir junger Mann, was in dieser Nacht gesprochen wird, trägt weiter als an allen anderen Tagen.“

 

Als Mitternacht kam, schloss Ankou sein Buch und verschwand ohne ein weiteres Wort im Dunkel zwischen zwei Glockenschlägen. Am Neujahrsmorgen erinnerte sich nur der Müller an seine Begegnung mit Ankou, im Dorf hieß es aber fortan, dass in neuen Jahr nur jene starben, die in der Neujahrsnacht mit bösem Herzen gesprochen hatten.

 

In der bretonischen Tradition soll diese Geschichte aus der Neujahrsnacht daran erinnern, dass Worte nicht flüchtig sind, sondern dass sie Gewicht haben, auch wenn sie unbedacht ausgesprochen werden.

 

Die Neujahrsnacht gilt als Schwelle, an der sich die Tore öffnen und das Gesagte weiter getragen wird als sonst.

 

Ankou, der Todesbote, der Seelensammler, Sagen und Legenden der Bretagne

Bag- Noz  -  Das Schiff der Nacht

Kurze Erklärung

 

Bag-Noz (bretonisch: „Nachtboot“) ist eine 'Gestalt' der bretonischen Volksüberlieferung. Es gilt als das Boot der Toten auf dem Meer,  vergleichbar mit Ankou, der mit seinem Karren an Land die Seelen sammelt.

 

Nach alten Legenden bringt Bag Noz die Seelen der auf See Verstorbenen fort, besonders die jener, deren Körper nicht geborgen wurden. Er erscheint meist bei Nebel, Dämmerung oder vor Unwettern und gilt auch als unheilvolles Vorzeichen für Sturm, Schiffbruch oder Tod.

 

In vielen Überlieferungen wird das Boot vom ersten Toten des Jahres auf  See gelenkt, auf der Île de Sein jedoch vom letzten Ertrunkenen des Jahres. Der Steuermann des Bag Noz handelt niemals aus freiem Willen, sondern aus Pflicht, bis ein anderer seinen Platz einnimmt.

 

Bag-Noz gilt zwar als Vorbote von Unglücken auf See, holt aber niemals Lebende. Sein Erscheinen ist vielmehr ein Zeichen dafür, dass das Gleichgewicht zwischen der Welt der Lebenden und der Toten gestört ist. Es zeigt sich, wenn Seelen noch unterwegs sind, wenn das Meer sich nimmt, was ihm gehört. Darum meiden Seeleute seinen Anblick und sprechen seinen Namen nur leise aus. 

 

Bag Noz, das Schiff der Nacht, Sagen und Legenden der Bretagne

Begegnung mit Bag-Noz auf der Île de Sein

 

Vor der äußersten Küste der Bretagne, dort, wo das Meer niemals ganz ruhig ist, liegt die Île de Sein. Die Insel ist flach, vom Wind gezeichnet, und ihre Bewohner wissen seit jeher: Was das Meer nimmt, gibt es meist nicht zurück.

 

An einem Winterabend, als der Nebel früh kam und das Licht des Tages kaum noch die Felsen berührte, stand eine junge Frau allein an der Westspitze der Insel. Ihr Mann war vor Kurzem auf See geblieben. Kein Wrack war gefunden worden, kein Körper ans Land gespült. Nur das Meer wusste, was geschehen war und das Meer schwieg.

 

Da sah sie draußen auf dem Wasser ein Boot. Es war kein Fischerboot, keines der Boote von Sein oder Audierne mit Netzen oder vertrauten Zeichen. Das Boot glitt lautlos dahin, schwarz gegen das graue Wasser, und schimmernd in einem fahlen, unbestimmten Licht, als gehöre es nicht ganz in diese Welt. Sie konnte niemanden im Nebel erkennen und doch war das Boot nicht leer.

 

Die Frau wußte sofort, was sie sah. Sie hatte die Alten schon oft darüber erzählen hören. Es war Bag-Noz, das Nachtboot. Auf der Île de Sein erzählt man, dass der letzte, der im Jahr auf See stirbt, dazu bestimmt ist, das Bag-Noz zu führen, bis ein anderer seinen Platz einnimmt. Er lenkt das Boot nicht aus eigenem Willen, sondern aus Pflicht. Er bringt die Seelen derer fort, die im Meer gestorben sind, damit sie den Übergang vollenden können.

 

Als das Boot näherkam, hörte die Frau Geräusche, die nicht von dieser Welt zu sein schienen: das leise Schlagen von Rudern, das Knarren von Holz, das Knirschen von Lederriemen, Stimmen, die undeutlich Befehle riefen, fern, als kämen sie aus der Tiefe selbst. Sie sah undeutlich verschwommene Gestalten an Bord, doch keiner von ihnen bediente die Ruder, keiner bewegte sich.

 

Dann plötzlich erkannte sie den Mann am Steuer. Er stand reglos, die Hände an der Pinne, den Blick starr nach Westen gerichtet. Er sah sie nicht an. Er lächelte nicht. Doch sie wusste, dass er es war. Es war ihr Mann, der Ertrunkene. Der, dessen Seele noch keinen Frieden gefunden hatte. 

 

Die Frau rief seinen Namen, doch noch ehe ihre Stimme den Nebel erreichte, begann das Boot zu verblassen. Das fahle Licht erlosch, die Geräusche der Ruder verstummten, als würden sie vom Wasser selbst verschluckt und einen Augenblick später war nur noch das Meer zu sehen, leer, gleichgültig, endlos.

 

Am nächsten Morgen brach ein Sturm los und ein weiteres Boot von Sein kehrte nicht zurück. 

 

Seitdem sagen die Alten: "Wenn Bag-Noz vor Sein erscheint, ist das Meer hungrig und es hat bereits entschieden, wen es sich holt". Sie sprechen seinen Namen nur flüsternd aus und keiner von ihnen blickt bei Nebel und Dunkelheit, wenn er die Geräusche von Rudern hört, länger als nötig hinaus auf's Meer. 

 

Die Fischer im Raz de Sein wenden rasch ihre Boote und kehren zurück in den Hafen, wenn sie  Bag-Noz gesehen haben, denn sie wissen, dass nun die Grenze zwischen dieser Welt und der anderen dünn geworden ist und ein Unglück bevorsteht. 

 

Bag Noz, das Nachtschiff, Sagen und Legenden der Bretagne

Les lavandières de la nuit - die Waschfrauen der Nacht

Kurze Erklärung

 

Die Lavandières de la nuit sind ein überaus verbreiteter bretonischer Volksglaube und gehören zu den bekanntesten Erscheinungen des bretonischen Geister- und Totenbrauchtums. Ihr Name heißt auf Bretonisch ar kannerezed-noz (wörtlich: „Nacht-Waschfrauen“) und die Sage ist im gesamten bretonischen Raum belegt, sowohl in Basse- als auch in Haute-Bretagne.

 

Die Lavandières sind nachtaktive, geisterhafte Frauen, die meist an Flussufern, Seen, Lavoirs oder Wegesrändern erscheinen und dort Wäsche waschen oder schlagen. Meist sind es Leichentücher.

 

Ihre Erscheinung gilt als schlechtes Omen: Begegnungen können den Tod für den Betrachter oder nahe Angehörige vorhersagen.

Wenn sie Wandernde um Hilfe bitten, gilt es als gefährlich: Lehnt man ab, könnten sie den Passanten ins Wasser ziehen; nimmt man an, kann es passieren, dass sie ihm die Arme brechen oder ihn mit den Stoffen für immer fesseln.

 

In christlich geprägten Varianten wird das nächtliche Waschen oft als Sühne für begangene Sünden der Frauen im Leben interpretiert, z.B. herzlose Behandlung armer Menschen oder Vernachlässigung der Sakramente.

 

Diese Fassung folgt den klassischen bretonischen Überlieferungen der Lavandières de la nuit (Kannerezed noz), wie sie im 18. und 19. Jahrhundert aufgezeichnet wurden, und überträgt sie auf die Landschaft und Vorstellungswelt des Cap Sizun.

 

Die Waschfrauen der Nacht, Sagen und Legenden der Bretagne

Maël und die Waschfrauen der Nacht 

Die Waschfrauen der Nacht, Sagen und Legenden der Bretagne

 

Die Alten vom Cap Sizun sagen, dass es Nächte gibt, in denen man besser nicht alleine in der Heide unterwegs ist. Nächte, in denen der Mond wie eine scharfe Klinge über den Landes steht und das Meer an den Klippen vor der Pointe du Van heraufrauscht, als spräche es zu den Toten.

 

In einer solchen Nacht ging einst ein junger Mann namens Mael über die Höhen oberhalb der Baie des Trépassés. Er kam von den Weiden zurück, wo der Wind nie ruht und wo der Boden noch die Spuren alter Zeiten trägt. Mael war weder töricht noch feige, doch er hatte das, was die alten Bretonen 'ar c’hoant da c’houzout' nennen, jenes große Verlangen nach Wissen, das einen Menschen näher an die Welt jenseits der Schwelle führen kann, als es ihm lieb ist.

 

Der Wind kam vom Meer herauf, schwer und kalt, und trug das Rauschen der Brandung bis auf die Höhen der Heidelandschaft. Als Mael den alten Waschplatz am Bach erreichte, den man seit Generationen nicht mehr nach Einbruch der Nacht aufsuchte, vernahm er ein Geräusch, das nicht von dieser Welt zu sein schien. Es war das Schlagen von Holz auf nassem Stoff. Langsam. Gleichmäßig. Unerbittlich.

 

Mael blieb stehen, denn jeder am Cap wusste: Wenn man nachts das unerbittliche Schlagen der Battoirs an einem Lavoir oder einem Bach hört, dann ist es besser, den Weg zu wechseln und den Blick zu senken. Doch neugierig geworden tat Mael genau dies nicht, sondern folgte dem Klang der Battoirs, wie von einer fremden Hand geführt.

 

Am Waschplatz sah er Frauen im Wasser stehen. Ihre Gewänder klebten schwer an ihnen, ihre Haare waren lang, zerzaust und nass, als wären sie grade erst aus den Tiefen des Lavoirs aufgestiegen. Ihre Gesichter waren bleich, ohne Jugend und ohne Alter, und ihre Augen schienen nichts von dieser Welt zu sehen. Vor ihnen lag ein großes Leinentuch. Sie tauchten es ins Wasser, schlugen es mit hölzernen Battoirs und wrangen es aus, immer und immer wieder, schweigend und scheinbar ohne Ermüdung.

 

Da wusste Mael, wem er begegnet war. Es waren die Lavandières de la Nuit, die Waschfrauen der Nacht, die Kannerezed Noz, jene verdammten Seelen, die zu Lebzeiten schwere Schuld getragen hatten und die nun Buße tun mussten, indem sie die Leichentücher derer wuschen, deren Zeit bald kommen sollte. Wer die Waschfrauen der Nacht sah, war dem eigenen Tod näher, als ihm lieb war.

 

Rasch wollte Mael sich zurückziehen, denn jeder am Cap wusste: Wer den Lavandières begegnet, der sollte besser den Blick senken und schweigend seines Weges gehen.

 

Doch da hob die Älteste schon den Kopf. Ihr Blick war tief und kalt wie das Wasser im Raz de Sein. „Komm näher“, sagte sie, und ihre Stimme klang wie der Wind, der bei Sturm durch die Kamine der Häuser fährt. „Hilf uns wringen.“

 

Die Geschichten der Alten stiegen in Mael auf wie kaltes Wasser: „Wer den Lavandières hilft und beim Wringen der Tücher in ihre Richtung dreht, den verdrehen sie selbst. Knochen, Atem und Leben, alles vergeht. Doch wer gegen ihre Bewegung wringt, wer die alten Regeln kennt, der entgeht ihrem tödlichen Griff.“

 

Mit bebendem Herzen trat Mael ins Wasser. Es war eisig, obwohl es Sommer war. Er ergriff das Tuch. Es war schwerer als nasses Leinen, schwer wie Schuld und Schicksal, schwer wie ein nahes Ende.

 

„Dreh“, flüsterten die Frauen und begannen, das Tuch nach einer Seite zu drehen. Mael aber erinnerte sich an den Rat der Alten und drehte entgegen.

 

Da erhob sich ein Schrei, so schrill, dass er selbst den Wind zum Schweigen brachte. Die Frauen ließen das Tuch fallen, und für einen Augenblick sah Mael, dass es kein Stoff von dieser Welt war, sondern Nebel, Schicksal und der Atem der kommenden Finsternis, etwas, das kein Mensch jemals sehen oder berühren sollte.

 

Dann waren die Waschfrauen fort. Der Waschplatz lag still, nur der Bach floss weiter, als wäre nichts geschehen.

 

Am Morgen fand man Mael schlafend am Rand des Wassers, das Gesicht dem ersten Licht zugewandt. Er erzählte, was er gesehen hatte, und die Alten nickten schweigend. Sie wussten, dass er dem Tod begegnet war und dass er ihn mit klugem Handgriff zurückgewiesen hatte.

 

Und so lehren es die Alten vom Cap Sizun bis heute: Gehe nicht neugierig dorthin, wo Tote ihr Werk verrichten. Höre, was die Alten Dir erzählen und verachte ihr Wissen nicht. Denn wer die Regeln der Nacht nicht kennt, den holt sie sich ohne zu zögern.

 

Die Waschfrauen der Nacht, Sagen und Legenden der Bretagne

Mari-Morganes - bretonische Seejungfrauen

Kurze Erklärung

 

Marie-Morganes (bretonisch meist Mari-Morgan oder Morganed) gehören zu den faszinierendsten Gestalten der bretonischen Küstenmythologie. Sie verbinden Elemente von Sirenen, Wasserfeen und keltischen Andersweltwesen.

 

Sie sind weibliche Meeres- und Wassergeister, die vor allem an der bretonischen Küste, in Buchten, Grotten und an gefährlichen Klippen angetroffen werden.

Der Name geht wahrscheinlich auf das bretonische mor (Meer) zurück; eine Verbindung zur Artusfigur Morgan le Fay wird oft vermutet, ist aber nicht eindeutig belegt.

 

Die Marie-Morganes erscheinen meist als außergewöhnlich schöne und junge Frauen, oft mit langem, offenem Haar, das sie mit goldenen oder silbernen Kämmen bürsten. Sie tragen kostbaren Schmuck und glänzende Gewänder. Manchmal haben sie einen Fischschwanz, häufig erscheinen sie jedoch ganz menschlich, wobei ihre Augen und ihr Lächeln aus einer Welt jenseits der unsrigen zu kommen scheinen.

 

Als Wesen sind sie ambivalent, weder rein böse, noch rein gut. Sie singen und tanzen, um Seefahrer anzulocken, versprechen Reichtung, Liebe oder ein Leben ohne Mühsal, doch wer ihnen folgt, der verschwindet oft auf See, wird wahnsinnig oder kehrt erst nach vielen Jahren zu den Seinen zurück. 

 

Marie Morganes  ähneln stark den keltischen Feen der Anderswelt (Sidhe, Korriganed), aber anders als diese, haben sie einen starken Bezug zum Meer, sie können nicht dauerhaft an Land leben und sind an bestimmte Regeln gebunden. Die Zeit in der Welt der Marie-Morganes vergeht anders als die Zeit in unserer Welt, ein Moment kann dort viele Jahre bedeuten.

 

Literaturhinweise (für vertiefende Lektüre)

Paul Sébillot: Le Folk-lore de France – La Mer et les Eaux Douces

Anatole Le Braz: La Légende de la Mort en Basse-Bretagne

François-Marie Luzel: Contes populaires de Basse-Bretagne  

 Die Mari-Morgan von Douarnenez 

Mari Morgane, die Meerjungfrau, Sagen und Legenden der Bretagne

 

Als die Küste der Bucht von Douarnenez noch wilder war als heute und die Fischer ihre Netze mit bloßen Händen flickten, lebte dort ein junger Mann namens Erwan. Er kannte das Meer wie andere den Weg zur Kirche: jede Strömung, jede Klippe, jedes heimtückische Riff, und doch wusste er genau, dass es Dinge gab, die selbst die ältesten Fischer nur flüsternd benannten.

 

An einem Abend, als das Meer so ruhig dalag, als hielte es den Atem an, hörte Erwan zum ersten Mal den Gesang, von dem ihm die Alten schon so oft erzählt hatten.

 

Er kam aus einer Felsgrotte nahe der Pointe de la Jument, dort wo niemand bei Flut anlandete. Die Melodie war weich und traurig zugleich, als erzähle sie von versunkenen Städten und vergessenen Tagen. Erwan ließ die Ruder sinken, ohne es zu merken, und sein Boot trieb näher an die Felsen heran.

 

Dort sah er sie. Eine Frau saß auf einem flachen Stein am Eingang einer Grotte. Ihr Haar war so hell wie der Sand bei Ebbe, und sie kämmte es mit einem goldenen Kamm, dessen Glanz selbst im schwindenden Licht der Sonne nicht erlosch. Ihr Gewand schimmerte wie feuchtes Seegras, und doch war sie ganz Mensch, ohne Fischschwanz, ohne Schuppen. Nur ihre Augen verrieten, dass sie nicht von dieser Welt war: tief wie das offene Meer.

 

Sie blickte Erwan an und lächelte, als hätte sie ihn erwartet. „Bist Du müde vom rudern auf dem Meer?“ fragte sie leise. Erwan wusste nicht, warum er antwortete, aber er tat es. „Das Meer kennt keine Müdigkeit und ich halte es wie das Meer.“

Sie nickte und lächelte über Erwans Antwort, wie über die Unwissenheit eines Kindes. „Dann folge mir. Es gibt Dinge, die das Meer nur denen zeigt, die ihm nicht trotzen.“

 

Ohne zu begreifen, wie ihm geschah, verließ Erwan sein Boot und folgte ihr in die Grotte. Doch statt feucht und dunkel zu sein, öffnete sich dahinter ein weiter Raum, hell wie von innerem Licht erfüllt. Wände aus Stein funkelten, als wären sie mit Edelsteinen durchsetzt, und auf dem Boden lagen Schalen voller Gold und Perlen, achtlos wie Kiesel hingeworfen.

 

Die Frau sprach nicht viel. Sie führte Erwan durch diese andere Welt unter dem Meer, ließ ihn trinken von klarem Wasser und ruhen auf weichen Lagern. Kein Hunger plagte ihn, keine Müdigkeit. Die Zeit schien stillzustehen.  

Als er schließlich sagte, er müsse zurück, lächelte sie nur traurig.

 

„Du kannst gehen“, sagte sie. „Aber vergiss, was du gesehen hast. Und komm niemals zurück, um mich zu suchen.“

Erwan versprach es und fand sich im nächsten Augenblick wieder in seinem Boot, das sanft auf den Wellen schaukelte.

 

Draußen lag Nebel auf dem Meer. Sein Boot trug ihn ans Ufer, doch als er an Land ging, erkannte er die Bucht von Douarnenez nicht mehr.

Die Hütten der Fischer waren andere, die Menschen trugen fremde Gesichter. Ein alter Mann trat auf ihn zu und starrte ihn an, als sehe er einen Geist.

„Wer bist du?“,  fragte der Alte. "Woher kommst Du?"

 Erwan  nannte seinen Namen und der Mann bekreuzigte sich.

 „Genau diesen Namen trug mein Großvater“, sagte er leise. „Er verschwand vor vielen Jahren auf See.“

 

Da begriff  Erwan, dass er nicht Stunden, sondern sehr viele Jahre bei der Marie-Morgan verbracht hatte.

 

Erwan lebte noch lange in Douarnenez, doch er war nie wieder derselbe. Das Meer schenkte ihm keine besonderen Gaben, und doch mied er es nicht. Manchmal, bei ruhiger See und untergehender Sonne, glaubte man, ihn an den Klippen der Point de la Jument stehen zu sehen, den Blick auf eine bestimmte Grotte gerichtet.

 

Und wer in solchen Nächten gut lauschte, der hörte aus der Ferne einen Gesang, 

schön, traurig und voller Erinnerung.

Die Alten sagten dann: „Das ist Mari-Morgan. Sie vergisst niemanden, der ihre Welt einmal betreten hat, doch wenn er sie verläßt, dann holt sie ihn auch kein zweites Mal zurück.“

 

Mari Morgane, die Meerjungfrau, Sagen und Legenden der Bretagne

 

Die Frau vom Meer

 

Mari Morgane, die Meerjungfrau, Sagen und Legenden der Bretagne

 

(nach einer Sage, aufgezeichnet von Anatole Le Braz)

 

In den Jahren, als die Dörfer an der bretonischen Küste noch klein waren und die Menschen das Meer mehr fürchteten als liebten, lebte nahe Paimpol ein Mann namens Hervé. Er war Fischer wie sein Vater und dessen Vater vor ihm, und er kannte die Zeichen des Wetters besser als die Worte der Priester.

 

Eines Abends, als er spät von der See zurückkehrte, sah er am Rand des Weges eine Frau stehen. Sie trug ein schlichtes Gewand und hatte dunkles Haar, das lose über ihre Schultern fiel. Ihr Blick war ruhig, fast abwesend, als lausche sie einem Klang, den nur sie hören konnte. Sie bat ihn um Wasser. Hervé gab es ihr, und sie trank langsam, als koste sie jeden Schluck. Sie dankte ihm und wollte weitergehen, doch er fragte, wohin sie wolle, so spät und allein. „Dorthin, wo ich hergekommen bin“, antwortete sie. Mehr sagte sie nicht.

 

Am nächsten Abend stand sie wieder dort. Und am dritten ebenfalls. Bald begann sie, in Hervés Haus zu kommen, wenn die Nacht kalt war. Sie arbeitete still, sprach wenig und stellte keine Fragen. Nur eines fiel Hervé auf: Sie ging nie zur Kirche und wenn die Glocken läuteten, wurde sie unruhig und trat hinaus.

 

Mit der Zeit liebte er sie. Und sie blieb. Sie wurde seine Frau, ohne großes Fest, ohne Segen. Die Nachbarn murrten, doch niemand konnte ihr etwas Schlechtes nachsagen. Sie war freundlich, half den Alten, kümmerte sich um die Kinder. Und doch blieb etwas an ihr fremd, wie ein Schatten, der nicht ganz zur Sonne passt.

 

Nie ging sie tagsüber ans Meer. Und nachts verließ sie manchmal das Haus, kehrte aber stets vor dem Morgengrauen zurück, das Haar feucht und kühl wie vom Tau.

 

Eines Nachts folgte Hervé ihr. Er sah, wie sie den schmalen Pfad zu den Klippen hinabstieg. Ohne zu zögern ging sie weiter, dort wo der Fels ins Wasser abfiel. Doch sie stürzte nicht. Das Meer öffnete sich für sie, und sie verschwand, als wäre sie selbst aus Wasser gemacht.

 

Am Morgen stellte er sie zur Rede. Sie senkte den Blick.

„Ich bin eine Mari-Morgan“, sagte sie. „Ich habe dich nicht belogen. Ich habe nur nicht alles gesagt.“ Sie erklärte ihm, dass sie nicht ganz zur Welt der Menschen gehöre. Dass sie ihn geliebt habe, so sehr, wie es ihrer Art möglich sei. Doch das Meer rufe sie zurück, immer, unausweichlich.

„Ich kann bleiben“, sagte sie, „aber nicht für immer. Und wenn ich gehe, darfst du mir nicht folgen.“

 

In der folgenden Nacht ging sie fort.  

Hervé suchte sie nicht. Er wusste, dass es zwecklos war. Doch manchmal, wenn das Meer ruhig war und der Mond tief stand, hörte er einen Gesang vom Wasser her, nicht lockend, nicht traurig, sondern wie ein Abschied, der sich immer wiederholt.

 

Er lebte noch viele Jahre und heiratete nie wieder.

Als man ihn fragte, warum, antwortete er: „Man liebt nicht zweimal dasselbe Meer.“

 

Und die Alten sagten später: „Wer eine Mari-Morgan liebt, der lernt, dass nicht alles, was uns zugetan ist, bei uns bleiben kann.“


Die Alten als Grenzgestalten

Kurze Erklärung

 

Die Geschichte von der Alten von Goulien gehört nicht zu den eindeutig belegten Einzelsagen der klassischen bretonischen Sagensammlungen. Vielmehr beruht sie auf wiederkehrenden Motiven der bretonischen Volksüberlieferung, wie sie besonders im Westen der Bretagne, auch am Cap Sizun, verbreitet sind.

 

In vielen Erzählungen erscheinen dort alte, allein lebende Frauen als Grenzgestalten zwischen Mensch und Landschaft, zwischen dem Diesseits und der Welt des Todes. Sie hüten verborgenes Wissen, prüfen die Menschen auf Achtung und Respekt und bestrafen Hochmut oder Gedankenlosigkeit, während sie Demut und Hilfsbereitschaft belohnen. Solche Figuren finden sich in unterschiedlichen Varianten in zahlreichen Dörfern der Bretagne, oft ohne festen Namen und ohne schriftliche Fixierung.

 

Die hier erzählte Geschichte ist daher keine wortgetreue Darstellung, sondern eine traditionsnahe Ausgestaltung, die sich bewusst an den Erzählmustern, der Moral und der Atmosphäre der mündlichen Überlieferungen orientiert.

 

Sie spiegelt den alten bretonischen Glauben wieder, dass das Land selbst prüft, wer es achtlos betritt und behandelt, und den schützt, der ihm mit Respekt begegnet.

So steht die Alte von Goulien stellvertretend für jene Gestalten, die in der Bretagne weniger Märchenfiguren als Erinnerungen an eine alte Weltsicht sind, in der Mensch, Landschaft und Jenseits untrennbar miteinander verbunden waren. 

 Die Alte von Goulien 

Bretonische Sagen und Legenden

 

Die Bretonen vom Cap Sizun wissen, dass man die Heidelandschaft hinter der Küste niemals unterschätzen sollte. Sie scheint leer, wenn der Wind darüberstreicht, doch in Wirklichkeit bewahrt sie etwas, das viel älter ist als Dörfer und Kirchen.

Besonders dort, wo die Wege schmal und gewunden werden und die Steine halb im Boden versinken, beginnt das Reich der Alten.

 

So wird erzählt, dass einst, nicht weit vom Dorf Goulien, eine Frau lebte, die man im Dorf nur abschätzig die Alte nannte. Niemand wusste, woher sie kam, niemand wusste, wie lange sie schon da war. Manche sagten, sie sei schon dagewesen, als die ersten Häuser gebaut wurden. Andere meinten, sie habe ihr Alter längst hinter sich gelassen und trage es nur noch wie ein Gewand.

 

Sie lebte allein, nahe der Heidelandschaft an der Küste, dort wo die Schafe grasten, in einem kleinen windschiefen Penty aus Stein. Bei Tag sah man sie manchmal gebückt über den Weg gehen, gestützt auf einen knorrigen Stock. Ihr Haar, grau wie die Flechten auf dem Granit der alten Mauern, ihr Blick ruhig und wissend. Wer ihr begegnete, spürte oft ein Frösteln, selbst im Sommer. Die Kinder mieden sie. Die Erwachsenen grüßten sie kaum und die Jungen lachten über sie, wenn sie glaubten, unbeobachtet zu sein.

 

Eines Abends, als der Nebel vom Meer heraufzog und die hohen Klippen hinter Goulien schon im Dunst verschwanden, ging ein junger Mann namens Erwan über die Heide. Er kam von der Küste zurück, beladen mit grade gefangenem Fisch, und wollte vor Einbruch der Dunkelheit zu Hause bei seiner Familie sein.

 

Da sah er die Alte am Wegesrand sitzen. „Junger Mann“, sprach sie, „mein Wasser ist leer. Reiche mir deine Hand und begleite mich zur Quelle.“

Erwan blieb stehen. Die Alte roch nach Erde und feuchtem Stein. Ihr Blick ruhte wissend auf ihm, als sähe sie nicht nur sein Gesicht, sondern auch das, was dahinter lag.

 

Erwan zauderte einen Moment, wollte sich aber nicht länger mit der Alten aufhalten, denn er wollte nach Hause. „Ich habe es eilig“, sagte er schließlich. „Und die Quelle ist weit.“

Die Alte nickte langsam. „Wie du willst.“

 

Erwan nickte knapp und ging weiter. Doch schon nach wenigen Schritten bemerkte er, dass der wohlbekannte Weg sich verändert hatte. Der Pfad, den er seit seiner Kindheit kannte, wand sich plötzlich, teilte sich, führte ihn immer wieder im Kreis. Der Nebel wurde dichter, und das Meer war nicht mehr zu hören. Schließlich endete der Pfad im Nichts.

 

Er rief. Niemand antwortete. Die Nacht senkte sich rasch über die Landschaft und Erwan irrte stundenlang umher, bis seine Beine schwer wurden und seine Angst größer als seine Müdigkeit. Seinen Fisch hatte er längst im Nebel verloren und der ihm früher so bekannte Weg erschien ihm mit jedem Schritt fremder.

 

Da sah er plötzlich wieder die Alte. Sie stand vor ihm, aus dem Nichts gekommen, aufrecht nun, größer, als sie ihm zuvor erschienen war.

„Du hast den rechten Weg verloren“, sagte sie ruhig.

„Hilf mir“, flehte Erwan. „Ich werde tun, was du willst, ich begleite Dich auch zur Quelle.“

 

Die Alte sah ihn sehr lange schweigend an. Dann wandte sie sich langsam um und ging voraus. Erwan folgte ihr. Mit jedem Schritt, den er der Alten folgte lichtete sich der Nebel, und schon bald erkannte er den vertrauten Pfad, der ihn nach Goulien führte. Er lief nun schneller als die Alte, die schließlich hinter ihm zurückblieb. Als er sich umdrehte, um ihr zu danken, war sie verschwunden, fast so, als wäre sie nie dagewesen.

 

Am nächsten Morgen, einem Sonntag, erzählte Erwan in der Kirche bei der Messe, was ihm widerfahren war. Die Alten des Dorfes nickten nur wissend. „Du bist an ihr vorbeigegangen, ohne zu helfen“, sagten sie, „wie viele vor dir. Doch sie vergisst nicht.“

 

Von jenem Tag an grüßte Erwan jeden Menschen, dem er am Cap begegnete, und war nie mehr ungeduldig, wenn Alte oder Arme seine Hilfe brauchten.

Doch wenn der Nebel über der Heide lag, wechselte er von nun an stets den Weg.

 

In Goulien sagt man bis heute: Nicht alles Alte ist schwach und nicht alles Gebeugte ist gering. Wer den Geist des Caps missachtet, den führt es in die Irre. Doch wer Achtung zeigt vor dem, was älter ist als er selbst, der findet hier stets seinen Weg und sein Ziel.

  

Bretonische Sagen und Legenden, die Alte von Goulien

Die Korrigans

Kurze Erklärung

 

Der Korrigan (bretonisch „kleiner Zwerg“) ist eine legendäre Kreatur des bretonischen Volksglaubens, verwandt mit Elfen, Feen, Gnomen und anderen kleinen Wesen der keltischen Sagenwelt.

 

Der Name kommt von korr (Zwerg) mit dem Diminutiv‑Suffix ‑ig („klein“) und dem Artikel ‑an (verniedlichend).

 

In den Sagen sind Korrigans kleinwüchsige, magische Wesen, mal gnom‑ oder koboldähnlich, mal feenhaft schön, manchmal hilfsbereit, oft aber listig und gefährlich. Sie sind immer mit Naturorten verbunden, insbesondere mit Quellen, Brunnen, Dolmen, Menhiren, oder Wäldern. Sie sind in der Nacht aktiv, vor allem bei Vollmond oder zu besonderen Jahreszeiten (z. B. Samhain oder in den Rauhnächten)

 

Den Menschen erscheinen die Korrigans mal als kleine, alte Gestalten mit leuchtend roten Augen, teils mit zerzaustem Haar oder Hörnern und mal als schöne, verführerische Frauen mit goldenem Haar, die wie Sirenen wirken. Sie können sich auch wandeln und erscheinen in wechselnden Gestalten.

 

Korrigans tanzen gerne bei Vollmond um Quellen oder um Dolmen und Menhire und rufen vorbeikommende Menschen herbei, um mitzutanzen. Wer aber mit den Korrigans tanzt, kann Jahre seines Lebens verlieren oder für immer verflucht werden. Korrigans können Wanderer in die Irre führen, sie mit Schätzen locken oder ihnen unlösbare Rätsel auferlegen.

 

Korrigans gelten als gefährlich. Verirrte werden von ihnen verflucht, in unterirdische Reiche gezogen und nie mehr gesehen; zu Samhain suchen sie angeblich rund um die alten Steine nach Seelen, um diese ins Jenseits zu führen.

Am Cap Sizun gibt es in Beuzec-Cap-Sizun  die Allée couverte von Kerbannalec, sie wird im Volksmund auch „Ti ar C’horriged“,  „Haus der Korrigans“, genannt , was die volkstümliche Verknüpfung zwischen Megalithbauten und den Korrigans belegt.

 Yann und die Korrigans 

Bretonische Sagen und Legenden, die Korrigans

 

Vor vielen, vielen Jahren, als die Klippen des Cap Sizun noch unberührt waren und die Nebel des Meeres dicht wie Wolken über den Heideflächen hingen, lebten in den Wäldern und an den alten Quellen die Korrigans.

 

Niemand wusste, woher sie kamen. Die Alten sagten, sie seien Überbleibsel der alten Magie, Geschöpfe der Erde, älter als die Bäume und älter als die Steine der Dolmen, die überall in der Region standen.

 

Die Korrigans waren listig und wandlungsfähig. Manche Nächte erschienen sie als runzlige, kleine Wesen mit flammenden Augen, andere Nächte als Frauen von atemberaubender Schönheit, deren goldenes Haar im Mondlicht glänzte. Wer ihnen begegnete, spürte sofort die Magie, die von ihnen ausging, eine gefährliche Mischung aus Faszination und Bedrohung.

 

Eines Abends wanderte ein junger Schäfer namens Yann an den Klippen entlang, um seine Schafe zu zählen. Er kannte die alten Geschichten über die Korrigans, doch er lachte sie weg und sagte zu sich selbst: „Das sind nur Märchen der Alten.“

 

Plötzlich hörte er Musik, zart wie das Klingeln von Wasser, das über Kieselsteine fließt und er sah ein geheimnisvolles Licht hinter den Büschen neben dem großen Dolmen von Beuzec. Er trat näher und entdeckte die Korrigans. Sie hatten die Gestalt schöner Frauen und tanzten im Kreis um den Dolmen, Hände in den Händen, Hüften im Takt, dabei lachten sie hell wie Glocken im Wind.

 

„Komm, junger Mensch“, rief eine der schönsten Korriganfrauen, „tanze mit uns! Wenn du den Tanz vollendest, wirst du Schätze sehen, wie kein Sterblicher sie je gesehen hat.“

 

Yann wollte zuerst ablehnen, doch etwas in ihm, vielleicht Neugier oder Habgier, zwang ihn, sich zu den Korrigans zu gesellen. Stunde um Stunde tanzte er, und bald verschwammen die Welten um ihn herum. Die Nacht verging, der Mond wanderte über den Himmel und Yann spürte keine Müdigkeit, doch er erkannte schließlich, dass er die Zeit vergessen hatte, so sehr hatten die Korrigans ihn in ihren Bann gezogen.

 

„Noch einen Tanz, und du wirst für immer bei uns bleiben“, lockte die Korriganfrau, deren Augen nun dunkel funkelten. Yann erschrak. Er erinnerte sich an die Worte der Alten: Wer die Spiele der Korrigans leichtfertig annimmt, verliert sich auf ewig in der Nacht.

 

In diesem Moment fiel sein Blick auf eine kleine Quelle nahe des Dolmens. Sie funkelte silbern im Mondlicht, und etwas in ihrem Wasser erinnerte ihn an seine Familie, seine Heimat und die Schafe, die er eigentlich hatte zählen wollen.

 

Mit aller Kraft riss er sich von den tanzenden Korrigans los, sprang aus dem Kreis und rannte durch den Nebel. Hinter sich hörte er noch die gläsernen Stimmen der Korrigans, sie lachten, halb höhnisch, halb drohend.

 

Am nächsten Morgen erwachte Yann am Fuße der Klippen an der Pointe de Beuzec aus einem tiefen Schlaf, erschöpft, aber unversehrt. In seiner Hand lag eine kleine, goldene Münze, glänzend wie das Haar einer Korriganfrau. Er bewahrte die Münze bis zu seinem Tode, als Erinnerung und Warnung zugleich. Noch seinen Enkeln erzählte er von seiner unheimlichen Begegnung mit den Korrigans.

Er sagte: „Die Korrigans sind schön und mächtig, freundlich und gefährlich zugleich. Wer ihre Spiele leichtfertig annimmt, verliert mehr, als er je gewinnen kann. Doch wer den Mut hat, sich zu erinnern, zu lieben und nach Hause zurückzukehren, dem schenken sie Weisheit und Vorsicht.“

 

Seit jener Zeit glauben die Menschen am Cap Sizun, dass die Korrigans bei Vollmond an den Dolmen tanzen, den Menschen Rätsel stellen, uralte Schätze bewachen und Wanderer prüfen.

 

Sie sind nicht nur Wesen der Nacht, sondern auch Spiegel der menschlichen Natur: Wer stolz ist, ist verloren; wer demütig ist, kehrt mit Weisheit heim. 

 

Bretonische Sagen und Legenden, die Korrigans

Mythen von Heiligen

Kurze Erklärung

 

Saint Guénolé (auch Gwenolé oder Winwaloe genannt) war ein bretonischer Heiliger des 5. Jahrhunderts und der Gründer der Abtei von Landévennec auf der Halbinsel Crozon. Er gilt als einer der großen christlichen Missionare der westlichen Bretagne und als Schutzheiliger der Seefahrer und Küstenbewohner.

Der Überlieferung nach war Guénolé eng mit dem Meer verbunden. Er reiste häufig entlang der bretonischen Küste und kümmerte sich besonders um abgelegene Inselgemeinschaften, die den Naturgewalten und den Gefahren der See schutzlos ausgeliefert waren.

 

Saint Guénolé und die Île de Sein

 

Die Île de Sein, früher Insula Seidhun genannt, spielte in Legenden und Volksglauben der Bretagne seit jeher eine besondere Rolle. Sie galt als geheimnisvoller Ort zwischen den Welten, umgeben von starken Strömungen und gefährlichen Riffen. In der Sage wird Saint Guénolé als geistiger Beschützer der Insel dargestellt, der über die Seelen ihrer Bewohner wacht und sie vor Verführung und Unheil bewahren möchte.

Historisch nachweisbar ist keine direkte Verbindung von Saint Guénolé zur Île de Sein. Es gibt keine verlässliche, zeitgenössische historische Quelle, die belegt, dass Guénolé selbst tatsächlich auf der Île de Sein war oder dort missionarisch wirkte. Moderne Forschung und Quellen, die sich mit seinem Leben beschäftigen, erwähnen Sein nicht als einen historisch belegten Wirkungsort, allerdings gibt es spätere Überlieferungen und lokale Traditionen, die ihn mit der Insel in Verbindung bringen. Auf der Île de Sein steht heute eine Kirche, die Saint Guénolé gewidmet ist, was ein Hinweis auf eine starke traditionelle Verehrung des Heiligen dort ist, auch wenn sie historisch nicht gesichert ist.

Einige ältere lokale Chroniken oder Geschichten (nicht historische Dokumente) erwähnen, dass Guénolé oder seine Gefährten dort missionarisch tätig gewesen sein könnten. Diese Überlieferungen gehören eher zur volkstümlichen Legendenbildung als zur belegten Geschichte.

 

Bedeutung der Sage

 

Die Sage von Saint Guénolé und der Île de Sein erklärt auf symbolische Weise die Gefährlichkeit der Küste rund um die Pointe du Raz und den Raz de Sein. Gleichzeitig erzählt sie vom Triumph des Glaubens über das Böse und von der schützenden Macht eines Heiligen, der mit göttlicher Hilfe selbst den Teufel vom Betreten der Insel abhält.

 

Bis heute gehören diese Geschichten zum kulturellen Erbe der Bretagne, als Ausdruck der engen Verbindung zwischen Meer, Landschaft, Glaube und Legende. 

 Saint Guénolé, der Teufel und die Île de Sein 

Bretonische Sagen und Legenden, St. Guénolé und der Teufel

 

Vor sehr langer Zeit kannte man die Île de Sein im tosenden Atlantik noch unter ihrem alten Namen Insula Seidhun.

 

Über sie wachte Saint Guénolé, ein weiser und gütiger Heiliger, der die Inselbewohner beschützte. Denn diese ließen sich allzu leicht von schönen Worten verführen, besonders von jenen, die der Teufel selbst aussandte.

 

Saint Guénolé lebte in der Abtei von Landévennec auf der Crozon Halbinsel, doch oft fuhr er hinüber auf die Insel Seidhun. Auf seinen Reisen machte er stets Halt an der Pointe du Raz, wo er lange auf das Meer hinausschaute und seine geliebte Insel betrachtete, die wie eine schwebende Stadt auf den Wellen ruhte.

 

Um den gefährlichen Überfahrten bei Sturm ein Ende zu setzen, fasste er einen kühnen Plan: Er wollte eine Brücke zwischen dem Festland und der Insel bauen. Dieses Versprechen hatte er dem Inselvorsteher von Seidhun gegeben.

 

Eines Tages, während er noch über dieses Vorhaben nachdachte, näherte sich ihm ein schöner junger Mann. Doch Saint Guénolé erkannte ihn sofort an seinen gespaltenen Hufen und an seiner süßlich-verführerischen Stimme. Es war der Teufel selbst, den man hier Polig, den „kleinen Paul“, nannte.

 

„Was willst du von mir, Polig?“, fragte der Heilige.

 „Ich möchte auf die Insel dort draußen“, antwortete der Fremde.

„Bei meinem Bischofsstab, du wirst nicht hinübergelangen“, antwortete der Heilige.

 

Da lachte der Teufel leise. Er hatte schon von der geplanten Brücke gehört und wusste: War sie erst gebaut, würde nichts ihn aufhalten können. Weigerte sich Guénolé jedoch, sein Versprechen des Brückenbaus einzulösen, würde er zum Lügner werden und damit seine Heiligkeit verlieren.

 

Der Heilige Saint Guénolé war gefangen zwischen Pflicht und Verderben. Doch Gott hörte seine verzweifelten Gebete und hatte Mitleid mit ihm. Er schenkte dem Heiligen Guénolé die Kraft zu einem Wunder.

 

Mit göttlicher Hilfe ließ Saint Guénolé eine Brücke aus Eis entstehen, die sich vom Bec ar Raz, also der Pointe du Raz, bis hinüber nach Seidhun, der Île de Sein, spannte. Kaum war sie vollendet, eilte der Teufel herbei, trunken vor Siegesgewissheit und voller Gier nach den leichtgläubigen Seelen der Insel.

 

Doch was war das? Schon bei den ersten Schritten des Teufels auf der neuen Brücke schmolz das Eis unter seinen glühenden Hufen. Der Teufel stürzte hilflos in die Tiefe, hinab in eine dunkle Felsspalte direkt vor der Pointe du Raz.

Man nennt diese Felsspalte bis heute 'Cheminée du Diable', den Schornstein des Teufels.

 

Wütend schwor der Teufel, nie wieder eine Brücke zu betreten, und beschloss, fortan mit dem Boot zur Insel zu gelangen. Doch auch das misslang: Die Boote waren aus Holz, und seine brennenden Hufe ließen sie in Flammen aufgehen, noch bevor sie den Hafen von Seidhun erreichten. Zudem verstärkte Saint Guénolé, weiterhin von göttlicher Gnade getragen, die Strömungen im Raz de Sein so sehr, dass keine Überfahrt mehr möglich war.

 

So blieb die Île de Sein auf ewig vor dem Teufel bewahrt und die Meerenge des Raz de Sein zwischen der Pointe du Raz und der Île de Sein gilt unter Seefahrern bis heute als eine er schwierigsten und gefährlichsten Passagen in Europa.

 

Wenn Sie heute an der Pointe du Raz stehen, den Blick auf den Atlantik und die Île de Sein gerichtet, dann denken Sie an diese alte Sage. Schauen Sie hinab zur Felsspalte 'Cheminée du Diable' und lauschen Sie den Geräuschen, die aus der 'Enfer de Plogoff', der Hölle von Plogoff, zu Ihnen hinaufdringen. Man sagt, es seien die Klagelaute der Seelen von unzähligen Seeleuten, die im Raz de Sein ihr Leben gelassen haben. Lauschen Sie dem Wind. Vielleicht erzählt er noch immer von Saint Guénolé und seinem Wunder aus Eis.

 

Bretonische Sagen und Legenden, St. Guénolé und der Teufel

Die Baie des Trépassés - Die Bucht der Verstorbenen

Kurze Erklärung

 

Die Baie des Trépassés, gelegen am westlichsten Zipfel des Cap Sizun zwischen der Pointe du Raz und der Pointe du Van, trägt einen der schaurigsten Namen der französischen Küste. Dass sie als „Bucht der Verstorbenen“ bezeichnet wird, hat sowohl handfeste geografische als auch tief verwurzelte mythologische Gründe:

 

Geografische und maritime Gründe

 

Der Name hat einen sehr realen, tragischen Hintergrund. Aufgrund der besonderen Lage der Bucht zwischen zwei massiven Landzungen entstehen hier extrem starke Strömungen. Vor der Baie es Trépassés liegt zudem noch der bei Kapitänen gefürchtete Raz de Sein. Die Baie des Trépassés wurde somit zu einem schaurigen Sammelbecken für Schiffbrüchige, denn in früheren Jahrhunderten, als die Segelschifffahrt noch den Naturgewalten ausgeliefert war, zerschellten unzählige Schiffe an den vorgelagerten Riffen.

Hinzu kommt die Strömung: Die spezifische Wasserführung in diesem Bereich des Atlantiks sorgte dafür, dass die Körper der verunglückten Seeleute sehr häufig genau in diese Bucht gespült wurden. Der Strand war somit oft der Ort, an dem die Bewohner der Umgebung die Toten bargen.

 

Die Legende der Druiden (Keltische Mythologie)

 

Die Baie des Trépassés gilt in der bretonischen Überlieferung als Eingangstor zur Anderswelt. Es heißt, dass die Druiden der Antike von hier aus auf die Île de Sein übergesetzt wurden, um dort bestattet zu werden. Die Bucht war der letzte Punkt des Festlandes, den die Seelen berührten. Die Legende besagt, dass nachts dunkle Schiffe (die Bag-Noz) in der Bucht anlegten, um die Seelen der Verstorbenen an Bord zu nehmen und sie in den Westen, ins Reich der Toten, zu bringen.

 

Die etymologische Debatte

 

Interessanterweise gibt es unter Sprachwissenschaftlern eine Theorie, nach der der Name Baie des Trépassés auf einem Übersetzungsfehler beruhen könnte:

 

Ursprünglich hieß die Bucht auf Bretonisch wohl Bae an Aon, was schlicht „Bucht des Flusses“ bedeutet (da dort ein kleiner Bach ins Meer mündet).

 

Da das bretonische Wort für Fluss (Aon) dem Wort für die Seelen der Verstorbenen (Anaon) sehr ähnlich klingt, wurde daraus im Laufe der Zeit die „Bucht der Seelen“ oder eben die „Bucht der Verstorbenen“. Aus Bae an Aon wurde Bae an Anaon.  

Bretonische Sagen und Legenden, Baie des Trépassés, die Bucht der Verstorbenen

 

 

Die Bucht der Verstorbenen

Bae an Anaon

 

Bretonische Sagen und Legenden, Baie des Trépassés, die Bucht der Verstorbenen

 

 

Die Bucht der Verstorbenen

 

Lange bevor die ersten Kirchen auf dem Cap errichtet waren, lange bevor Namen in Stein gemeißelt und Kreuze errichtet wurden, lag die Baie des Trépassés bereits zwischen der Pointe du Raz und der Pointe du Van. Düster, windumtost und von einer Macht durchdrungen, die älter war als das Gedächtnis der Menschen.

 

Die Druiden wussten, dass diese Bucht kein gewöhnlicher Ort war. Das Meer fiel hier nicht einfach ins Land, sondern es öffnete sich. Die Strömungen kreuzten sich wie unsichtbare Wege, und der Nebel, der oft plötzlich vom Wasser aufstieg, galt als Atem der Anderswelt.

 

Wenn einer der Druiden starb, wurde sein Körper nicht der Erde übergeben. In der Abenddämmerung trugen die Lebenden ihn schweigend in einem Marsch an die Küste. Kein Weinen begleitete den Zug, kein Lamentieren, denn der Tod war für ihre Gemeinschaft kein Ende, sondern ein Übergang.

 

Dann erschien aus dem Grau des Meeres das Boot: schmal, dunkel, ohne Segel und ohne Ruderer. Man sagte, das Meer selbst trage es.

 

Der Verstorbene wurde an Bord gebettet, und die Barke glitt lautlos davon, hinaus auf den Atlantik, immer in Richtung Westen, dorthin, wo die Sonne stirbt.

 

Ziel der Boote war die Île de Sein, Insula Seidhun, die Insel der Feen und der Weisheit, wo die Gräber der Druiden lagen. Manche Seelen aber wurden auch weitergetragen, zu den schwarzen Felsen von Tévennec, wo der Wind niemals ruht.

 

So wurde die Baie des Trépassés zu einem Tor der Seelen, zu einem Ort des Übergangs, zu einem Ort, an dem die Grenze zwischen dem Diesseits und der Anderswelt nur dünn ist. 

 

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Die Rückkehr der Ertrunkenen

 

Mit den Jahrhunderten änderten sich die Namen der Götter, die Druiden waren schon lange verschwunden, doch das Meer vergaß nichts und der Raz de Sein zwischen der Pointe du Raz und der Île de Sein wurde zu einem Ort des Unheils.

 

Riffe lauerten unter der Wasseroberfläche, unberechenbare Strömungen rissen Schiffe vom Kurs, und der dichte Nebel verschlang selbst erfahrene Seeleute. Boote verschwanden auf Nimmerwiedersehen und immer wieder warf der Atlantik die Körper von Ertrunkenen auf den Strand der Baie des Trépassés, bleich, gebrochen, vom Salz gezeichnet.

 

Man sagte, diese Toten seien nicht gegangen, sondern geblieben. Sie hätten den Übertritt in die Anderswelt nicht vollziehen können und müssten auf ewig umherirren.

 

Jedes Jahr, in der Nacht vom 1. auf den 2. November, wenn der Schleier zwischen den Welten dünn wird, kehren sie zurück, die ruhelosen Toten. Dann beginnt Guel An Anaon, der Tag der Seelen, das Fest der Toten. Das Meer leuchtet unruhig, und auf den Wellen in der Baie erscheinen flackernde Lichter, man sagt, es seien die tanzenden Seelen der Verstorbenen, die zurückkehren um ihre Familien zu sehen und endlich ins Jenseits entlassen zu werden .

 

Manche steigen aus den Wogen, stets zu siebt, und rufen mit Stimmen, die nach Wasser und Tiefe klingen. Andere ziehen als endlose Prozession über die Wellen. Man sagt sogar, es gäbe Seelen, die in dieser ruhelosen Nacht aus dem Wasser steigen und schweigend, Schritt für Schritt, bis zur Kapelle Saint-They auf der Pointe du Van wandern, wo sie auf Erlösung warten, bis der erste Hahn kräht.

 

Aus Tradition und alter Liebe entzünden die Bretonen in dieser Nacht große Feuer in den Kaminen ihrer Häuser. Nicht etwa, um die Toten zu vertreiben, sondern um sie zu wärmen. Denn die Verstorbenen kommen nicht als Feinde zurück, sondern als Suchende, auf der Suche nach den Lebenden, die sie einst liebten und auf der Suche nach Erlösung. 

 

So lebt an der Baie des Trépassés bis heute die uralte druidische Vorstellung fort,

dass das Meer die Seelen trägt, dass der Westen das Reich der Toten ist und dass manche Orte niemals ganz der Welt der Lebenden gehören.

 

Wer lange genug auf die Bucht blickt, besonders im November, der spürt es noch immer: Hier endet der Weg nicht, sondern hier beginnt er. 

 

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