An Anaon - Das Reich der Verstorbenen

Die Bretagne ist reich an alten Mythen, keltischen Überlieferungen und lebendigen Traditionen. Eine der faszinierendsten Vorstellungen ist Anaon, das Reich der Seelen der Verstorbenen, das in der bretonischen Kultur stets eng mit der Welt der Lebenden verbunden war. 

 

Leben und Tod in der bretonischen Mythologie

 

Anders als im restlichen Europa gab es in der bretonischen Kultur nie eine strikte Trennung zwischen den Lebenden und den Toten. Nach bretonischem Glauben existierten Tote und Lebende in zwei benachbarten Welten, die sich zu bestimmten Zeiten des Jahres berührten, dann wenn die Grenzen durchscheinend wurden wie lichter Nebel. 

 

Diese Vorstellung ist in Europa einzigartig und prägt bis heute viele Bräuche, Legenden und Erzählungen der Bretagne. Das Anaon umfasst die Gemeinschaft der Verstorbenen, ihre Seelen, die als „Nachbarn“ ganz nah bei uns leben. Besonders zur Zeit rund um Allerheiligen verschwimmen die Grenzen zwischen den Welten und sie kehren zurück zu den Lebenden.

 

Man glaubte auch, dass die Toten die Lebenden ansprechen konnten, um sie auf ihre Pflicht des Erinnerns hinzuweisen. Die Gebete der Menschen waren nicht nur Zeichen der Frömmigkeit, sondern ein Band zwischen den Welten. Die katholische Vorstellung vom Fegefeuer verband sich dabei mit viel älteren keltischen Ideen:

Das Anaon war weniger ein Ort der Strafe als vielmehr ein Übergang, ein Durchgang zu einer neuen Existenz.

 

Bretonische Sagen und Legenden, Baie des Trépassés, die Bucht der Verstorbenen

 

 

Allerheiligen in der Bretagne – alte Bräuche

 

Das wichtigste Fest der Übergangszeit, dann wenn die Grenzen zwischen dem Reich der Lebenden und dem Reich der Toten hauchdünn war,  war Gouel an Anaon, das traditionelle keltische Fest der Verstorbenen. Es wurde am 2. November, dem Tag nach Allerheiligen, gefeiert. Später ging es in das christliche Allerheiligen über, behielt jedoch seinen heidnisch-keltischen Ursprung. Noch bis ins 20. Jahrhundert waren die Rituale von Guel an Anon in vielen Dörfern der Bretagne lebendig. 

 

Am Abend von Allerheiligen bereiteten die Familien Speisen und Getränke, wie Pfannkuchen, Brot, Milch und Apfelwein vor, um die Seelen der Verstorbenen willkommen zu heißen. In den Kaminen ließ man einen großen Holzscheit brennen, den sogenannten kef an Anaon, damit sich die Toten wärmen konnten, wenn sie aus dem Jenseits zurückkehrten.

 

Um den Toten in dieser Nacht den Weg zu weisen, entstand der Brauch der ausgehöhlten Rüben mit Kerzen darin. Wie  P.-J. Hélias schreibt:
Wir sind es gewohnt, Rüben auszuhöhlen, Öffnungen in Form von Augen, Nase und Mund hineinzuschneiden, ein Stück Kerze hineinzusetzen und alles wieder zu verschließen.“

 

Hier sehen wir Vorläufer dessen, was heute oft mit Halloween in Verbindung gebracht wird, in der Bretagne jedoch eine ganz eigene, tief verwurzelte Bedeutung hat. Diese bretonische Tradition, der Vorläufer heutiger Laternenbräuche, zeigt, wie tief die alten Mythen der Bretagne auch im modernen Alltag verwurzelt sind. 

 

Sagen und Legenden der Bretagne, Allerheiligen in der Bretagne

 

 

An Anaon – kein Ort der Strafe, sondern ein Übergang

 

Anaon ist ein bretonisches Wort, das alle Seelen der Verstorbenen und den Ort, an dem sie sich wiederfinden, bezeichnet. Es ist mit dem walisischen Wort „Annwvyn” oder „Annwn” verwandt, das die andere Welt, die Welt nach dem Tod, bezeichnet. 

 

In der bretonischen Überlieferung war An Anaon kein Ort der ewigen Qual, sondern ein Übergang zu einem neuen Leben. Diese Vorstellung verbindet keltisches Gedankengut mit christlichen Einflüssen, etwa der Idee des Fegefeuers. Gebete galten als Hilfe für die Seelen auf ihrem Weg.

 

Wenn eine Person starb, wurde sie mit den Worten „aet eo gant an Anaon” (wörtlich: „er ist zu den Seelen gegangen”, hat sich in die andere Welt begeben), verabschiedet und wenn man vom Tod einer Person an Land oder auf See erfuhr, läutete man die Totenglocke, die Kloc'h an Anaon. 

 

Es gab früher unter der bretonischen Landbevölkerung bestimmte Rituale, wie zum Beispiel zu husten, um seine Anwesenheit zu zeigen oder zu sagen „Wenn Anaon hier ist, Friede seiner Seele“, bevor man einen Zaun oder eine Böschung  überquerte, oder einen Stein bewegte. Die Bretonen glaubten nämlich, dass sie einen Toten stören könnten, also warnten sie ihn vor ihrer Anwesenheit, um ihn nicht zu verärgern. 

 

Auf der Île de Sein wird bis heute der Gruß  „Joa d’an Anaon!“ – 'Freude den Verstorbenen' verwendet, auf den die Antwort folgt: „Ha war eneoù ho re!“ 'Und den Seelen der Euren'. 

 

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