Menez Dregan in Plouhinec
Zu Beginn der Jungsteinzeit, etwa um 4500 v. Chr., wurden die Menschen in der heutigen Bretagne erstmals sesshaft. Es entwickelte sich eine ländliche Gesellschaft, welche die nomadische Lebensweise der Jäger und Sammler ablöste. In dieser Epoche entstanden jene monumentalen Megalithen, die wir noch heute bewundern können.
Der Begriff „Megalith“ (griechisch für „großer Stein“) dient dabei als Oberbegriff für die verschiedenen Zeugnisse dieser steinzeitlichen Besiedelung. Dazu zählen:
Menhire: Aufrecht stehende Monolithe (bretonisch für „langer Stein“).
Dolmen: Steinzeitliche Grabkammern, oft auch als Hünengräber bezeichnet (bretonisch für „Steintisch“).
Tumuli: Monumentale Hügelgräber, die meist eine oder mehrere Grabkammern umschließen.
Steinalleen und Steinkreise: Komplexe Formationen aus zahlreichen Einzelsteinen.
Besonders eindrucksvoll zeigt sich dieses Erbe in Carnac, wo sich über 3.000 Menhire auf einer Länge von mehr als einem Kilometer erstrecken. Ein weiteres Highlight ist die Bucht von Morlaix, die eine imposante Totenstadt mit elf Dolmengräbern beherbergt.
Obwohl diese Monumente seit Jahrtausenden die Landschaft prägen, ist ihre genaue Bedeutung bis heute nicht vollständig entschlüsselt. Forscher gehen davon aus, dass sie neben der Verehrung der Toten auch als astronomische Kalender dienten, um wichtige Sonnen- und Mondereignisse zu bestimmen.
Allée couverte in Beuzec-Cap-Sizun
Besonders eindrucksvoll lässt sich die Vielfalt der Megalithkultur in Plouhinec erleben. Entlang des Küstenwanderwegs entdecken Besucher hier eine außergewöhnliche Konzentration steinzeitlicher Stätten:
Die Nekropole an der Pointe du Souc’h: Diese neolithische Grabanlage besteht aus mehreren Dolmen, die über Jahrtausende hinweg genutzt und immer wieder erweitert wurden.
Die Grotte von Menez Dregan: Eine der ältesten Fundstellen der Bretagne. Hier wurden Spuren menschlicher Feuerstellen gefunden, die fast 400.000 Jahre alt sind und somit weit vor der eigentlichen Megalithzeit liegen.
Die Allée Couverte de Pors Poulhan: Ein klassisches Galeriegrab. Im Gegensatz zum einfachen Dolmen handelt es sich hierbei um einen langgestreckten, überdachten Gang aus Steinplatten, der als Gemeinschaftsgrab diente.
Der Spaziergang auf dem GR34 verbindet nicht nur die verschiedenen Monumente, sondern bietet auch einen faszinierenden Blick auf den Atlantik – eine Kulisse, die schon vor 6.000 Jahren die Erbauer dieser Steinmonumente inspiriert haben muss.
Die Bretagne zählt neben Schottland, Irland, der Isle of Man, Wales und Cornwall zu den sechs keltischen Nationen Europas. Bis heute begegnet man den allgegenwärtigen Zeugen dieser Vergangenheit auf Schritt und Tritt – sei es in der bretonischen Sprache, der traditionellen Musik, in alten Sagen oder den kunstvollen keltischen Knotenmustern.
Historisch gesehen waren die Kelten in dieser Region Gallier. „Gallier“ ist dabei der übergreifende Name für die verschiedenen keltischen Stämme, die einst das Territorium Galliens (das heutige Frankreich, Belgien, Luxemburg und Teile der Schweiz) besiedelten.
Wenn die Gallier einst die gesamte Bretagne bewohnten, stellt sich eine spannende Frage: Wo genau lag eigentlich das berühmte kleine Dorf der Unbeugsamen, das durch René Goscinny und Albert Uderzo weltberühmt wurde?
Jedes Kind kennt die Geschichten über den hartnäckigen Widerstand gegen Cäsars römische Legionen. Doch wo genau lebten unsere Kindheitshelden?
Die Hinweise der Landkarte: Wie man auf der Karte zu Beginn jedes Asterix-Bandes sehen kann, liegt das Dorf an der Nordwestküste der Bretagne (dem antiken Armorica).
Die geografische Lage: Die Autoren haben den genauen Standort nie offiziell festgelegt. Die Zeichnungen zeigen jedoch meist ein Dorf an einer Steilküste, nahe einem Strand mit vorgelagerten Inseln.
Die Lokalisierung: Vergleicht man verschiedene Karten innerhalb der Comic-Bände, lässt sich der Ort ungefähr im Finistère eingrenzen – etwa zwischen den heutigen Städten Saint-Pol-de-Léon und Plouescat.
Obwohl Obelix untrennbar mit seinem Beruf als Hinkelstein-Lieferant verbunden ist, erlaubt sich die Comic-Serie hier eine charmante künstlerische Freiheit. Historisch gesehen gibt es nämlich einen kleinen, aber feinen Unterschied:
Die Megalithen – also die Menhire und Dolmen –, die wir heute in der Bretagne bestaunen, stammen aus der Jungsteinzeit (ca. 4500 bis 2000 v. Chr.). Als die Kelten und Römer um 50 v. Chr. in der Bretagne lebten, waren diese Steinmonumente also bereits über 4.000 Jahre alt!
Die Kelten haben diese beeindruckenden Bauwerke also vorgefunden, genau wie wir heute, sie aber nicht selbst errichtet. Obelix wäre demnach eigentlich ein „Transporteur antiker Denkmäler“.
Ab etwa 500 v. Chr. besiedelten die Kelten die heutige Bretagne. Sie nannten das neu gewonnene Gebiet „Aremorica“ – das „Land vor dem Meer“. Bis zum Vordringen der römischen Legionen im Jahr 56 v. Chr. prägten fünf große Stämme die Region, die jedoch selten als Einheit agierten und oft untereinander zerstritten waren:
Die Veneter (Süden): Der mächtigste Stamm. Sie kontrollierten den Seehandel und führten später den Widerstand gegen Rom an.
Die Osismier (Nordwesten): Bewohner der entlegenen Küstenregionen.
Die Coriosoliten (Norden): Ansässig im Gebiet um das heutige Dinan.
Die Redonen (Osten): Namensgeber der heutigen Stadt Rennes.
Die Namneten (Südosten): Siedelten im Mündungsgebiet der Loire (Nantes).
Die keltische Gesellschaft war streng hierarchisch gegliedert. Während der Kriegsadel die politische Führung innehatte, bildeten die Druiden eine hochgeachtete Priesterkaste. Ihr Einfluss reichte weit über religiöse Zeremonien hinaus:
Wissen & Wissenschaft: Druiden waren Experten in der Heilkunde, Astronomie und den Naturwissenschaften.
Recht & Chronik: Sie fungierten als Richter, Lehrer und Bewahrer der mündlich überlieferten Geschichte (Dichtkunst).
Politische Macht: Durch ihre beratende Funktion und ihre Rolle als Seher besaßen sie oft das letzte Wort in strategischen Fragen.
Der Glaube der Kelten war tief in der Natur verwurzelt. Quellen, Haine, markante Bäume und Berge galten als Sitz göttlicher Kräfte. Ein herausragendes Beispiel ist der Ménez Hom: Mit 330 Metern eine der höchsten Erhebungen der Bretagne und ein erloschener Vulkan, wurde er von den Kelten als heiliger Berg verehrt. Von seinem Gipfel aus hat man noch heute einen rituell anmutenden Blick über die Bucht von Douarnenez.
Kein anderes Zeichen symbolisiert die keltischen Wurzeln der Bretagne so stark wie das Triskel. Das Wort leitet sich vom griechischen triskelēs ab, was „dreibeinig“ bedeutet. Ursprünglich ein religiöses Symbol, hat es sich über die Jahrtausende zum modernen Erkennungsmerkmal der bretonischen Identität gewandelt.
Die Bedeutung der Dreiheit: Die Kelten verehrten die Zahl Drei als heilig. Das Triskel mit seinen drei spiralförmigen Armen, die aus einem gemeinsamen Zentrum entspringen, wird oft wie folgt interpretiert:
Die Elemente: Wasser, Erde und Feuer (oder Luft).
Der Kreislauf des Lebens: Geburt, Leben und Tod.
Die Zeit: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
Heute findet man das Triskel überall in der Bretagne: Es ziert Hauswände, wird als Amulett getragen und ist fester Bestandteil der modernen keltischen Musik- und Kulturszene. Es steht für die Dynamik und das ewige Fortschreiten – ein passendes Sinnbild für eine Region, die ihre alten Traditionen so lebendig hält.
Die Veneter waren ein keltischer Stamm, sie gehörten zur Gruppe der gallischen Stämme und besiedelten das Gebiet der heutigen südlichen Bretagne, insbesondere die Region um den Golf von Morbihan (die Stadt Vannes leitet ihren Namen direkt von ihnen ab). Im Gegensatz zu vielen anderen keltischen Stämmen, die eher als Bauern oder Binnenkrieger lebten, waren die Veneter eine hoch entwickelte Seefahrernation mit überlegener Schiffbautechnik. Sie bauten massive Schiffe aus Eichenholz, die den schweren Stürmen und dem hohen Wellengang des Atlantiks standhielten, statt aus Segeltuch bestanden ihre Segel aus dünnem, reißfestem Leder. Die Veneter kontrollierten den Handel auf dem Atlantik, insbesondere den lukrativen Zinnhandel mit Britannien (dem heutigen England).
Julius Caesar beschrieb die Veneter in seinem Werk De Bello Gallico mit großem Respekt, aber auch mit Frustration. Da ihre Festungen meist auf schmalen Landzungen lagen, die bei Flut zu Inseln wurden, waren sie für die römischen Landtruppen fast unerreichbar.
Das Jahr 56 v. Chr. markiert schließlich eine Zäsur in der Geschichte Aremoricas.
In einer vernichtenden Seeschlacht im Golf von Morbihan besiegte Julius Caesar die Flotte der Veneter durch eine technologische List – die Römer benutzten Sicheln an langen Stangen, um die Taue der ledernen Segel zu kappen und die venetischen Schiffe manövrierunfähig zu machen. Da dieser Stamm den Römern so vehementen Widerstand geleistet hatte, wich Caesar von seiner üblichen Milde ab: Er ließ den gesamten Gemeinderat hinrichten und große Teile der Bevölkerung in die Sklaverei verkaufen.
Mit dem wirtschaftlichen Niedergang der Veneter begann die Ära der gallo-romanischen Kultur. Latein wurde zur Amtssprache und verdrängte allmählich die keltischen Dialekte.
Um 300 n. Chr. geriet das Römische Reich ins Wanken. Germanische Stämme fielen in die Region ein, plünderten Städte und hinterließen ein dünn besiedeltes Land. Diese Leere nutzten die Inselkelten aus Britannien: Auf der Flucht vor Angeln, Sachsen und Jüten setzten sie ab 460 n. Chr. über den Ärmelkanal.
Sie kultivierten das Land neu und brachten zwei entscheidende Dinge mit:
Den christlichen Glauben, der bis heute die bretonische Kultur prägt.
Den Namen der Region: Aus Aremorica wurde Britannia Minor – Klein-Britannien (Bretagne).
Im Jahr 799 unterwarf Karl der Große die Bretagne und gliederte sie in das Frankenreich ein. Sein Nachfolger, Ludwig der Fromme, beging jedoch einen strategischen Fehler: Er ernannte den bretonischen Grafen Nominoë zum herzoglichen Statthalter.
Nominoë jedoch strebte nach Unabhängigkeit. Er lehnte sich gegen die Franken auf und fügte ihren Truppen im Jahr 845 eine vernichtende Niederlage zu. Sein Sohn Erispoë krönte sich schließlich 851 zum ersten König der Bretagne.
Das bretonische Königreich hatte rund einhundert Jahre Bestand, bevor es nach dem Tod des letzten Königs in rivalisierende Grafschaften zerfiel. Dennoch bewahrte das Herzogtum Bretagne trotz ständiger Konflikte mit Normannen, Franzosen und Engländern bis ins 15. Jahrhundert hinein eine bemerkenswerte Eigenständigkeit.
Die wohl berühmteste Persönlichkeit der bretonischen Geschichte ist Anne de Bretagne (1477–1514). Geboren im Schloss von Nantes als älteste Tochter von Herzog Franz II., wurde sie zur Schlüsselfigur zwischen der Unabhängigkeit des Herzogtums und der Krone Frankreichs.
Anne de Bretagne, Ausschnitt aus einem Gemälde von Jean Bourdichon
Nachdem ihr Vater 1488 verstarb, wurde die erst elfjährige Anne Regentin der Bretagne. Da es keine männlichen Erben gab, lastete die Zukunft des Landes auf ihren Schultern. Ihr Vater hatte kurz vor seinem Tod nach einer verlorenen Schlacht gegen Frankreich versprechen müssen, seine Töchter nicht ohne Zustimmung des französischen Königs zu verheiraten – ein Versprechen, das Anne und ihre Berater bald brechen sollten.
Im Jahr 1490 ging die dreizehnjährige Anne ein gewagtes Bündnis ein: Sie heiratete per Stellvertreter (eine sogenannte „Handschuhehe“) den Habsburger Maximilian I., den späteren Kaiser des Heiligen Römischen Reiches. Der französische König Karl VIII. sah dies als Verrat und kriegerische Provokation. Er marschierte in die Bretagne ein, belagerte Anne in Rennes und zwang sie zur Annullierung der Ehe. Um einen vernichtenden Krieg abzuwenden, musste Anne ihren Gegner ehelichen.
Am 6. Dezember 1491 wurde Anne durch die Heirat mit Karl VIII. erstmals Königin von Frankreich. Doch das Schicksal war hart:
1498: Karl VIII. starb nach einem Unfall mit nur 21 Jahren. Da alle gemeinsamen Kinder früh verstorben waren, erlosch die direkte Linie.
1499: Um den Anspruch auf die Bretagne zu sichern, heiratete sein Nachfolger, Ludwig XII., die junge Witwe Anne.
Anne stieg zur mächtigsten Frau Europas auf. Sie trug Titel wie Königin von Sizilien, Neapel und Jerusalem sowie Herzogin von Mailand. Trotz dieser Pracht blieb ihr Herz stets in der Bretagne, deren Eigenständigkeit sie innerhalb der französischen Krone so weit wie möglich verteidigte.
Im Winter 1513/14 verschlechterte sich der gesundheitliche Zustand von Anne zusehends und am 9. Januar 1514 verstarb sie in Blois. Während ihr Körper traditionell in der Basilika Saint-Denis bei Paris beigesetzt wurde, traf sie für ihr Herz eine besondere Verfügung: „Mein Herz gehört der Bretagne.“
Gemäß ihrem Testament wurde ihr Herz in ein kunstvolles Reliquiar aus purem Gold gebettet und in der Familiengruft in der Kathedrale von Nantes beigesetzt – direkt bei ihren Eltern.
Das goldene Herz wird im Musée d’histoire de Nantes (im Schloss der Herzöge der Bretagne, dem Château des ducs de Bretagne) in Nantes ausgestellt. Es ist dort das Prunkstück der Sammlung.
Dass wir das Reliquiar heute noch bewundern können, ist fast ein Wunder:
Die Bestattung (1514): Gemäß Annes Wunsch wurde das Herz in der Familiengruft der Karmeliterkirche in Nantes beigesetzt.
Die Französische Revolution (1793): Während der Revolution wurden viele königliche Gräber geplündert und Goldgegenstände eingeschmolzen, um Münzen zu prägen oder den Krieg zu finanzieren. Das Reliquiar wurde konfisziert und nach Paris geschickt. Glücklicherweise wurde es aufgrund seines künstlerischen Wertes nicht eingeschmolzen, sondern in der Nationalbibliothek aufbewahrt. 1819 wurde es an die Stadt Nantes zurückgegeben.
Der Diebstahl (2018): Erst vor wenigen Jahren, im April 2018, wurde das goldene Herz bei einem Einbruch aus dem Museum gestohlen. Die Sorge war riesig, dass es für das Material geschmolzen werden könnte. Doch die Polizei konnte es nur wenige Tage später unversehrt sicherstellen.
Für die Menschen in der Bretagne ist dieses goldene Herz mehr als nur ein Museumsstück. Es ist das physische Symbol für das Versprechen ihrer letzten Herzogin: "En Bretagne mon cœur" (In der Bretagne mein Herz).
Es erinnert an die Zeit, in der die Bretagne ein eigenständiges und stolzes Herzogtum war.
Nach Annes Tod blieb die Bretagne noch bis 1532 ein Herzogtum, bevor sie als autonome Provinz offiziell mit Frankreich vereinigt wurde. Für viele Bretonen markiert dieses Datum bis heute einen der schwersten Momente ihrer Geschichte, da die Ära der Souveränität endgültig endete.
Trotz des politischen Umbruchs folgte ein Goldenes Zeitalter. Die Bretagne stieg zur führenden Seefahrernation auf:
Wohlstand durch Leinen: Der Tuchhandel (insbesondere hochwertiges Leinen für Segeltuch) florierte und brachte enormen Reichtum.
Die umfriedeten Pfarrbezirke. (Enclos Paroissiaux): In den Gemeinden entstand ein architektonischer Wettstreit. Jedes Dorf wollte den prunkvollsten Pfarrbezirk besitzen – mit kunstvoll gemeißelten Kalvarienbergen, Beinhäusern und Triumphbögen, die noch heute im Norden der Bretagne (besonders im Finistère) zu bestaunen sind.
Mitte des 17. Jahrhunderts endete die Blütezeit jäh. Der „Sonnenkönig“ Ludwig XIV. war durch seine Kriege gegen die Niederlande hochverschuldet. 1675 griff er zu einer drastischen Maßnahme:
Verlust der Steuerhoheit: Er setzte die alten Privilegien der Bretagne außer Kraft, um dringend benötigte Gelder einzutreiben.
Der Aufstand der „Rotmützen“: Die Bretonen wehrten sich erbittert gegen die neuen Steuern (insbesondere auf Stempelpapier). Ludwig XIV. ließ diese Aufstände blutig und grausam niederschlagen.
Trotz der Spannungen mit der Krone entwickelte sich die Bretagne bis zur Französischen Revolution zur wichtigsten Küstenprovinz Frankreichs:
Brest: Wurde zum bedeutendsten Militärhafen ausgebaut.
Nantes: Erlangte traurige Berühmtheit als Zentrum des Sklavenhandels, was der Stadt jedoch immensen Reichtum bescherte.
Saint-Malo & Roscoff: Diese Städte wurden zu Hochburgen der Korsaren (staatlich legitimierte Piraten) und Schmuggler, deren prachtvolle Reederhäuser noch heute das Stadtbild prägen.
Der legendäre Korsar Robert Surcouf aus Saint-Malo bei der Kaperung der englischen 'Triton. Kupferstich von Ambroise Louis Garneray
Der Sturm auf die Bastille am 14. Juli 1789 in Paris löste eine Welle aus, die auch die Bretagne fundamental veränderte. Während die Revolution landesweit alte Strukturen aufbrach, bedeutete sie für die bretonische Provinz eine radikale Gleichschaltung durch die neue Pariser Zentralregierung.
Um die Macht der alten Provinzen zu brechen, griff die Revolutionsregierung zu drastischen Maßnahmen:
Geografische Tilgung: Die Bretagne wurde als politische Einheit von der Landkarte gestrichen. An ihre Stelle traten fünf Départements (Finistère, Côtes-du-Nord, Morbihan, Ille-et-Vilaine und Loire-Inférieure), die direkt der Kontrolle aus Paris unterstellt waren.
Kulturelle Unterdrückung: Im Geiste der „einen und unteilbaren Republik“ wurde die bretonische Sprache verboten. Französisch wurde zur einzig zulässigen Sprache in Schulen, Ämtern und der Öffentlichkeit erhoben, um die regionale Identität zugunsten einer nationalen Einheit zu schwächen. Der Revolutionär Bertrand Barère sagte: „Der Feudalismus und der Aberglaube sprechen Bretonisch“ Dieser Satz erklärt wie kein anderer den fast missionarischen Eifer, mit dem die bretonische Sprache damals unterdrückt wurde.
Eugène Delacroix 1830 "Die Freiheit führt das Volk"
Diese tiefgreifenden Eingriffe in die Verwaltung, die Religion und die Sprache führten in der Bretagne zu erbittertem Widerstand. Es entstand die Bewegung der Chouans – royalistische Rebellen, die in den Wäldern und Heckenlandschaften (Bocage) einen jahrelangen Guerillakrieg gegen die Truppen der Republik führten.
Obwohl der Name der Bewegung auf den Köhler Jean Cottereau (genannt „Jean Chouan“) aus der benachbarten Mayenne zurückgeht, fand die Chouannerie in der Bretagne ihr eigentliches, leidenschaftliches Zentrum. Was als regionaler Protest begann, weitete sich in den unwegsamen Landschaften der Bretagne zu einem jahrelangen Guerillakrieg aus.
Warum die Bretagne zum Hauptschauplatz wurde:
Geografie des Widerstands: Das bretonische Bocage – ein Labyrinth aus tiefen Hohlwegen, dichten Hecken und Wäldern – bot den idealen Rückzugsort. Die „Blues“ (die Soldaten der Republik) waren hier chancenlos gegen die „Weißen“ (die Chouans), die wie aus dem Nichts angriffen.
Kulturelle Identität: In der Bretagne vermischte sich der politische Widerstand mit dem Kampf um die bretonische Sprache und den tief verwurzelten katholischen Glauben, den die Revolutionäre in Paris unterdrücken wollten.
Wichtige Anführer: In der Bretagne stiegen eigene Helden auf, wie der legendäre Georges Cadoudal aus dem Morbihan. Er wurde zur treibenden Kraft des Widerstands und gab sich selbst Napoleon Bonaparte erst nach jahrelangem Kampf geschlagen.
Das Erbe der Chouannerie: Der Ruf des Waldkauzes (Chat-huant), das geheime Erkennungszeichen der Rebellen im nächtlichen Unterholz, wurde zum Symbol für den Eigensinn der Bretagne. Die Chouannerie festigte das Bild der Bretagne als eine Region, die ihre Traditionen und ihre Freiheit mit aller Entschlossenheit gegen die Zentralmacht verteidigt.
Filmkulisse Locronan: In den historischen Gassen des Dorfes erwachte für die Verfilmung von ‚Chouans!‘ (mit Sophie Marceau) die dramatische Zeit des bretonischen Heckenkrieges von 1793 zu neuem Leben. Der Film erzählt die Geschichte der Revolutionszeit anhand einer Adelsfamilie, die durch die politischen Wirren zerrissen wird – ein Sohn kämpft für die Republikaner („die Blauen“), der andere für die aufständischen Chouans („die Weißen“)
Während in den Nachbarländern die Schornsteine der Fabriken rauchten, blieb die Industrialisierung in der Bretagne fast vollständig aus. Die Einführung der Eisenbahn, die andernorts Fortschritt brachte, bedeutete für die Region paradoxerweise den Ruin: Der einst stolze See- und Tuchhandel konnte mit der neuen Konkurrenz nicht mithalten und brach zusammen.
Von der Pariser Zentralregierung vernachlässigt und wirtschaftlich abgekoppelt, entwickelte sich die Bretagne zu einem überbevölkerten Agrarland. Die Folgen waren verheerend:
Hunger und Seuchen: Missernten führten regelmäßig zu Hungersnöten; Krankheiten breiteten sich in der geschwächten Bevölkerung schnell aus.
Die große Landflucht: Die neue Eisenbahnlinie in den Norden wurde zum Fluchtweg. Tausende Bretonen verließen ihre Heimat in der Hoffnung auf ein Überleben in den Industriezentren.
Vor dem Ersten Weltkrieg lebten über 200.000 Bretonen in Paris – oft unter erbärmlichen Bedingungen. Die Bretagne wurde von Frankreich fast wie eine Kolonie behandelt und als Reservoir für billigste Arbeitskräfte missbraucht:
Soziale Ausbeutung: Der Großteil der Hausangestellten (Domestiken) in Paris war bretonischer Herkunft. Die Not war so groß, dass mehr als drei Viertel der Pariser Prostituierten aus der verarmten Bretagne stammten.
Menschenunwürdiger Handel: Die Verachtung der Pariser Oberschicht gegenüber den Zuwanderern war grenzenlos. Ein Vermittler annoncierte 1906 im Journal de Briey sogar die Ankunft von „einigen Waggons bretonischen Gesindels“, die wie Vieh auf dem Marktplatz von Longuyon zur Auswahl standen.
Ankunft eines Zuges im Gare Saint-Lazare, Gemälde von Claude Monet, 1877
Während die bretonische Bevölkerung gegen Hunger und Ausbeutung kämpfte, wurde die Region am Ende des 19. Jahrhunderts paradoxerweise zum Mekka der europäischen Kunstavantgarde. Maler wie Paul Gauguin, Émile Bernard und Paul Sérusier flüchteten aus dem industrialisierten, "schmutzigen" Paris in das kleine Städtchen Pont-Aven.
Was für die Einheimischen bittere Not bedeutete, interpretierten die Künstler als „ursprünglich“ und „echt“. Sie waren fasziniert von den bretonischen Trachten, der Frömmigkeit (sie inspirierte zum Beispiel Gauguin zu Die Vision nach der Predigt und vor allem von der Landschaft und dem besonderen Licht. Das alles bot die perfekte Kulisse für eine neue Art der Malerei.
In Pont-Aven brachen die Künstler mit dem Impressionismus. Sie malten nicht mehr nur das, was sie sahen, sondern das, was sie fühlten. Mit starken Konturen und flächigen, oft unnatürlichen Farben (wie ein rotes Feld oder ein gelber Christus) schufen sie den Synthetismus.
Dieser Abschnitt der Geschichte zeigt die tiefe Kluft jener Zeit: Auf der einen Seite die Künstler in der Pension Gloanec, die bei Cidre und Galettes über Ästhetik diskutierten – und auf der anderen Seite die bretonischen Bauern, die als billige Statisten für die Maler herhielten, während ihre eigenen Kinder in den „Waggons des Gesindels“ nach Paris geschickt wurden.
La vision après le sermon, Paul Gauguin, 1888
Dies ist ein zutiefst erschütterndes Kapitel der bretonischen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Es wird in der bretonischen Geschichtsschreibung oft als das "Große Trauma" bezeichnet und erklärt, warum man heute in fast jedem noch so kleinen bretonischen Dorf ein überproportional großes Gefallenen-Denkmal findet.
Gedenkplakette für die gefallenen Bretonen, Paris , Les Invalides, Cour d'Honneur
Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Jahr 1914 traf die Bretagne härter als jede andere Region Frankreichs. Während die Männer an die Front gerufen wurden, blieb eine Heimat zurück, die einen Blutzoll zahlte, der statistisch gesehen weit über dem nationalen Durchschnitt lag.
Die bretonischen Soldaten, die oft aus ländlichen Verhältnissen stammten und als besonders zäh und diszipliniert galten, wurden in der französischen Infanterie regelrecht verheizt.
Die Statistik des Todes: Etwa 240.000 bis 250.000 Bretonen ließen ihr Leben – das entsprach einem Zehntel der gesamten Bevölkerung der Region.
Ein ungleiches Opfer: Während im restlichen Frankreich etwa jeder achte Soldat fiel, kehrte in der Bretagne jeder vierte nicht mehr heim.
Ein besonders tragischer Aspekt war die kulturelle Entfremdung. Viele Soldaten aus dem ländlichen Westen sprachen ausschließlich Bretonisch und verstanden die französischen Befehle ihrer Offiziere kaum oder gar nicht.
Verdacht auf Spionage: In der paranoiden Atmosphäre der Schützengräben hielten französische Landsleute die unverständliche Sprache der Bretonen oft für Deutsch oder einen Code.
Exekutionen: Es kam zu furchtbaren Vorfällen, bei denen bretonische Soldaten als vermeintliche Spione oder wegen "Ungehorsams" (der in Wahrheit nur Unverständnis war) von den eigenen Leuten standrechtlich erschossen wurden.
Nach 1918 war die Bretagne ein Land der Witwen und Waisen. Doch dieses gemeinsame Leid führte auch zu einer paradoxen Entwicklung: Einerseits festigte der Dienst in der Armee die Integration in den französischen Staat, andererseits wuchs der Groll über die rücksichtslose Art, wie die Pariser Führung mit den bretonischen Leben umgegangen war.
Nach einer kurzen Phase des wirtschaftlichen Aufschwungs in den 1930er Jahren brachte der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs 1939 die nächste Katastrophe. Im Juni 1940 fiel die Bretagne im Rahmen des deutschen Westfeldzuges fast kampflos an die Wehrmacht.
Die deutschen Besatzer erkannten sofort die strategische Bedeutung der tiefen Atlantikhäfen. Orte wie St. Nazaire, Lorient, Brest und St. Malo wurden zu massiven Festungen ausgebaut.
Die U-Boot-Bunker: In Brest entstand der größte deutsche Bunker des Krieges. Diese gigantischen Betonstrukturen waren für die Alliierten fast unzerstörbar, was dazu führte, dass die umgebenden Städte durch massive Bombardierungen fast vollständig dem Erdboden gleichgemacht wurden.
Der Atlantikwall: Ab 1942 wurde die gesamte Küste abgeriegelt. Über 82.000 Männer – fast ausschließlich Zwangsarbeiter – mussten unter grausamen Bedingungen Schanzarbeiten leisten.
Ein besonders bedrückendes Beispiel für die Ausbeutung der Region findet sich in der Bucht von Audierne. Dort mussten 400 Zwangsarbeiter (darunter viele russische Kriegsgefangene und politische Häftlinge) Tausende Tonnen Kieselsteine aus den Dünen brechen und zu Zement für den Atlantikwall verarbeiten. Die Küste wurde vermint und zur Sperrzone erklärt.
Inmitten der Besatzungszeit vollzog die kollaborierende Vichy-Regierung einen Akt, der bis heute für massive politische Spannungen sorgt:
Willkürliche Teilung: Ohne Volksabstimmung wurde das Département Loire-Atlantique (mit der historischen Hauptstadt Nantes) vom Rest der Bretagne abgetrennt.
Das Ziel: Man wollte die Macht der Regionen schwächen und die Verwaltung zentralisieren. Bis heute fordern viele Bretonen die Wiedervereinigung (Réunification) der Bretagne in ihren historischen Grenzen von fünf Départements.
Brest Ende 1944, völlige Zerstörung , der Fotograf ist unbekannt
Während die Wehrmacht die Küsten befestigte, regte sich in der Bretagne der Widerstand. Nach dem Appell von General de Gaulle im Juni 1940 bewiesen die Bretonen ihren außergewöhnlichen Mut: Fast alle wehrfähigen Männer der Île de Sein setzten nach England über, um sich den Freien Französischen Streitkräften (FFI) anzuschließen – eine Tat, für die de Gaulle der kleinen Insel später das Kreuz der Befreiung verlieh.
In der Bretagne entstanden hochgefährliche Fluchthilfe-Netzwerke. Unter den Augen der Besatzer organisierten Fischer und Agenten den Transfer von alliierten Piloten, deren Flugzeuge abgeschossen worden waren:
Camaret: Über 200 englische Piloten entkamen hier auf einfachen Fischkuttern.
Das Netzwerk „Shelburne“ (Plouha): An den steilen Klippen der Bucht von Cochat seilten sich 150 Agenten und Piloten nachts ab, um im Schutz der Dunkelheit von Kuttern aufgenommen zu werden.
Anfang Juni 1944 wurde das Radio zum wichtigsten Werkzeug der Befreiung. In der Sendung „Die Franzosen sprechen zu den Franzosen“ sendete die BBC codierte Botschaften aus Verlaines Gedicht Herbstlied:
4. Juni 1944: „Les sanglots longs des violons de l'automne“ (Seufzer gleiten die Seiten des Herbstes entlang). Dies war das Signal für die Résistance, sofort mit Sabotageakten an Eisenbahnen, Telefonleitungen und Munitionsdepots zu beginnen.
5. Juni 1944: „Blessent mon cœur d'une langueur monotone“ (Treffen mein Herz mit einem Schmerz dumpf und bang). Nun wussten die Kämpfer: Die Invasion erfolgt innerhalb von 48 Stunden.
In der folgenden Nacht überquerte die gewaltigste Armada der Weltgeschichte den Ärmelkanal. Unbemerkt von den deutschen Truppen tauchten im Morgengrauen 6.480 Schiffe und Boote vor der Küste der Normandie auf.
Während die Kämpfe an den Stränden tobten, banden die bretonischen Widerstandskämpfer im Hinterland deutsche Truppen durch unermüdliche Angriffe und bereiteten so den Weg für die Befreiung vor.
Pors Loubous spielte eine wichtige Rolle für die Résistance
Appell an die bretonische Jugend, sich der Résistance anzuschließen, im Original zu sehen im Musée de Bretagne in Rennes.
Während die US-Armee unter General Patton im Sommer 1944 rasch durch das offene Gelände der Bretagne vorstieß, verschanzten sich die deutschen Truppen in den massiven Betonbunkern der Küstenstädte. Dies führte zu einer langwierigen und verlustreichen Belagerung:
St. Malo & Brest: Diese Städte wurden durch ununterbrochenen Artilleriebeschuss und Bombenabwürfe fast vollständig dem Erdboden gleichgemacht.
Die „Taschen“ von Lorient und St. Nazaire: Hier hielten sich die deutschen Truppen am hartnäckigsten. Während der Rest Frankreichs bereits feierte, kapitulierten diese Stützpunkte erst am 8. Mai 1945 – dem Tag der offiziellen deutschen Gesamtkapitulation.
In den Nachkriegsjahren standen die Stadtplaner vor der gewaltigen Aufgabe, aus Trümmerbergen bewohnbare Räume zu schaffen. Dabei verfolgte jede Stadt eine andere Philosophie:
Brest – Die moderne Tabula Rasa: Brest war so schwer getroffen, dass man sich gegen eine Rekonstruktion entschied. Die Stadt wurde auf einem völlig neuen Grundriss, mit breiten Boulevards und moderner Betonarchitektur, am Reißbrett neu entworfen.
Lorient – Ein Hauch von Gestern: In Lorient gelang es immerhin, vereinzelte Straßenzüge der Jugendstilarchitektur zu retten, was der ansonsten funktional wiederaufgebauten Stadt heute ihren besonderen Charme verleiht.
St. Malo – Das steinerne Wunder: Hier entschied man sich für den schwierigsten Weg. Die historische Altstadt (Intra-Muros) wurde nach alten Plänen detailgetreu rekonstruiert. Wer heute durch die Gassen spaziert, vergisst fast, dass 80 % dieser Mauern erst nach 1945 neu gesetzt wurden.
Während die großen Städte belagert wurden, kam es am Cap Sizun zu blutigen Auseinandersetzungen. Die deutsche Wehrmacht hatte in Lézongar (Audierne) eine strategisch wichtige Stellung mit schweren Geschützen ausgebaut, um die Bucht zu kontrollieren.
Der Durchbruch der Résistance
Im August 1944 wuchs der Druck der lokalen Widerstandskämpfer massiv an. Als sich die deutschen Truppen gezwungen sahen, ihre Stellungen in Audierne aufzugeben, um sich in Richtung der "Festung Brest" abzusetzen, kam es zu heftigen Gefechten:
Hinterhalt bei Lesven: Auf ihrem Rückzugsweg über Lesven und Plouhinec wurden die deutschen Konvois von Einheiten der Résistance angegriffen. Es waren keine anonymen Soldaten, die hier kämpften, sondern Männer aus den umliegenden Dörfern, die ihre Heimat nun endgültig befreien wollten.
Blutzoll kurz vor der Freiheit: Diese Kämpfe waren besonders verlustreich. In den engen Straßen und hinter den Steinmauern des Cap Sizun wurde um jeden Meter gerungen und viele Kämpfer der Résistance verlohren ihr Leben. Die Denkmäler in Audierne und den umliegenden Weilern tragen heute die Namen derer, die in diesen letzten Tagen des Sommers 1944 fielen.
Die Befreiung von Audierne war somit kein friedliches "Übernehmen" der Stadt, sondern das Ergebnis harter militärischer Arbeit der lokalen FFI-Gruppen, die den deutschen Rückzug massiv störten und die Besatzer schließlich zum Abzug zwangen.
Le monument de Lesven, Erinnerung an die gefallenen Kämpfer der Résistance
Nach den dunklen Jahren des Krieges begann in den 1950er und 60er Jahren eine Ära des rasanten Wandels. Die Bretagne schüttelte das Image der rückständigen Provinz ab und entwickelte sich zu einem dynamischen Teil des modernen Frankreichs.
Ein Meilenstein war das Jahr 1951, als auf Initiative von Charles de Gaulle das CELIB (Comité d'étude et de liaison des intérêts bretons) gegründet wurde. Es war das erste Mal, dass ein Komitee gezielt die wirtschaftlichen und kulturellen Interessen der Bretagne in Paris vertrat.
Spracherhalt: Die Förderung der bretonischen Sprache und Kultur wurde erstmals staatlich unterstützt, was den Grundstein für das heutige Selbstbewusstsein der Region legte.
Die Region Bretagne: 1960 wurde die offizielle Verwaltungsregion in ihren heutigen Grenzen (vier Départements) geschaffen – ein wichtiger Schritt, auch wenn die Trennung von Nantes (Loire-Atlantique) bis heute schmerzt.
Die französische Regierung investierte massiv in die Infrastruktur, um die Abwanderung zu stoppen. Die Bretagne wurde zum Zentrum für Hochtechnologie:
Die "Radome" von Pleumeur-Bodou: 1962 wurde hier das erste transatlantische Fernsehsignal via Satellit empfangen – ein Symbol für den Aufbruch ins Weltraumzeitalter.
Gezeitenkraftwerk an der Rance: Bei Saint-Malo entstand 1966 das weltweit erste Kraftwerk, das die Kraft von Ebbe und Flut zur Stromerzeugung nutzte.
Ab den 1970er Jahren erlebte die Bretagne eine kulturelle Renaissance, die weit über ihre Grenzen hinausstrahlte. Angeführt von Musikern wie Alan Stivell, der die keltische Harfe in die moderne Popwelt brachte, entdeckte die junge Generation ihre Sprache und Traditionen mit neuem Stolz wieder. Diese Rückbesinnung auf die eigenen Wurzeln legte den Grundstein für das heutige Selbstbewusstsein der Region.
Parallel dazu entwickelte sich die Bretagne zum „Silicon Valley des Segelsports“. In Städten wie Lorient trainiert heute die Weltelite des Hochseesegelns, während Hightech-Werften die schnellsten Rennyachten der Erde bauen.
Ein besonderes Erbe dieser Zeit ist auch die Mautfreiheit auf den bretonischen Schnellstraßen. Als Teil des „Plan Routier Breton“ wurde in den 70er Jahren festgeschrieben, dass der Zugang zur abgelegenen Halbinsel kostenlos bleiben muss – ein Privileg, das bis heute Bestand hat.
Heute ist die Bilanz der Entwicklung der Bretagne beeindruckend:
Agrar-Riese: Die Bretagne ist heute Frankreichs bedeutendste Agrarregion (besonders in der Milchwirtschaft und im Gemüseanbau).
Tourismus-Magnet: Mit ihrer wilden Küste und den authentischen Städten liegt die Bretagne heute im französischen Tourismus-Ranking auf dem zweiten Platz, direkt hinter der Côte d'Azur.
Kulturelles Erbe: Festivals wie das Festival Interceltique in Lorient oder die Vieilles Charrues ziehen Millionen Besucher an und zeigen, dass die bretonische Kultur lebendiger ist denn je.
Die Geschichte der Bretagne ist ein inspirierendes Beispiel dafür, wie eine Region aus eigener Kraft und mit unbändiger Liebe zur Heimat einen Wandel vollziehen kann. Vom „vergessenen ‚Gesindel‘ des 19. Jahrhunderts zum „stolzen Vorreiter“ in Tourismus und Technologie – diese Entwicklung ist ein Beweis für die Kraft der Resilienz und die Bedeutung kultureller Identität.
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